Meier Waldis und der Berggeist
Waldis hiess der reichsten Bauern einer und mächtigste Mann im Tale. Und das Volk hatte ihm das Meieramt über die Talschaft übertragen. Er verwaltete Wald und Wild, Weide und Wasser, Jagd und Fischerei. Seine eigenen Güter liess er von Lehensleuten und Häuslern bestellen, indes er selber nur der Jagd oblag, denn das Weidwerk war seine höchste Lust, und oftmals hat er um eines zottigen Bockes willen sein Leben aufs Spiel gesetzt. Den ganzen Sommer durch stieg er den Gemsen nach bis auf die steilsten Gräte und schoss die schönsten weg.
Die Gemsen aber kamen alle von einer frutigen Alp zuhinterst in den höchsten Bergen, wo die melchigsten Kräutlein wuchsen, und gehörten zur Herde des Berggeistes, Schwarzbart geheissen, der Milch und Käse von ihnen gewann. Aber allemal gaben die gejagten Tiere, die den Jägern entronnen, rote Milch. Wehe, wenn je ein kühner Weidmann sich in jenen Bereich verstieg. Jählings trat der Geist ihn an und gebot ihm, seine Herde in Frieden zu lassen, und wer der Warnung nicht achtete, den stürzte er über die Felsen in den Abgrund.
Einmal, als der Meier Waldis auch wieder zu Berg gegangen war und eben auf dem Anstand lag, da stand mit eins der Berggeist vor ihm, ein Riese mit rabenschwarzem, langwallendem Bart und Augen wie glühende Kohlen. Mit drohendem Rust sprach er zu dem erschrockenen Manne: «Waldis, warum verfolgst du meine Geissen, die mir Milch und Käse geben? Lass ab von dem Mord meiner Tiere! Zum Entgelt magst du dir eine Gabe wünschen!» - «Gut», sagte der Meier, «ich habe gleiches Recht wie du, aber deine Gemsen sollen geschont sein, ich will keine mehr schiessen, wenn du mir einen Ankenkübel voll der süssesten Butter gibst, so gross, wie man sonst keinen auf der Welt gesehen hat.» Dann hängte er seine Büchse um und schritt talwärts.
Als er am anderen Morgen vor die Türe trat, stand wahrhaftig der Kübel schon auf der Matte, so hoch wie der Kirchturm von Kippel, bis zum Rande gefüllt mit frischgekirnter, süsser Butter. Und so fort jeden Morgen am selben Ort, alle Tage.
So gingen einige Jahre ins Land. Und die Leute wunderten sich sehr, dass der Meier nie mehr sein Gewehr zur Hand nahm. Die gefriedeten Gemsen aber vermehrten sich so sehr, dass sie in hellen Rudeln in die Matten und Äcker, ja bis in die Kohlgärten herabkamen. Als der Meier die feisten Tiere sah, da zuckte und ruckte es ihm in allen Gliedern, und unversehens griff er zur Flinte und schoss einen fetten Bock. Aber noch war der Schuss nicht verhallt, da brach ein Unwetter los, wie wenn die Welt untergehen sollte, Blitz und Donner schmetterten krachend Schlag auf Schlag, und durch das Sturmgebraus tönte dumpf die Stimme des Geistes: «Weh dir, du hast dein Wort gebrochen! Zu Fels und Firn wird Flur und Matte!» Und als das Wetter vorüber war, da war das blühende Talgelände eine wüste Steinöde von Schutthalden, Gufer und Grus, und wie ein Felsenturm ragte der Ankenkübel empor. Der Meier Waldis aber ballte die Faust und nahm seine Büchse, klomm über die Geröllhalden bergwärts und strich den Gemsen nach, die allenthalben auf den Grasbändern ästen. Bald sichtete er einen prächtigen Bock, der war schneeweiss, und er verfolgte das flüchtige Tier immer weiter in die Berge hinein, baldauf, haldab, an Schrunden und Gründen vorüber, über Kämme und Gräte, Gletschereis und Firnschnee. Mehrmals kam er zum Schuss, aber jedes Mal fehlte er, und hatte doch ein sicheres Auge und eine feste Hand. Aber immer weiter verfolgte er das seltene Wild, fernab von begangenen Bergen, bis er an einer Wand keinen Schritt mehr machen konnte, weder vorwärts noch rückwärts, weder über sich, noch unter sich. Da stand der Geist plötzlich wieder vor ihm. Waldis riss die Büchse an die Wange und schoss ihm eine Kugel durch den Leib. Aber nicht einmal die Stelle war zu sehen, wo das Blei eingedrungen. Der Geist aber lachte gellend auf und rief: «Waldis, Waldis, nimm den Hut vom Haupt, dass du nicht siehst, wie hoch du fällst», - und stiess ihn in die Tiefe.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch