Der Hirt und die Riesen
Es geschah einmal in einem Bergdorf, dass die Leute keinen Hirten mehr für auf die Alp bekommen konnten, denn alle, die sie hinauf geschickt hatten, waren erschlagen worden, man sagte von Riesen, die droben in ihren gewaltigen Steinburgen hausten. Aber nach langem Suchen haben sie doch endlich einen Burschen gefunden, der sich gegen gute Kost und einen rechten Lohn als Älpler bei ihnen verdang - ein Fremder zwar, aber gross und stark. Als der von den Unholden reden hörte, ging er zum Meister Schmied und sagte, er solle ihm aus allem Eisen, was er habe, einen Hirtenstecken machen. Da lachte der Schmied und sagte, einen solchen Stecken wolle er ihm vergebens machen, wenn er ihn lüpfen könne. Da nahm der Bube den Amboss und die ganze Rüstung aus der Werkstatt, hing alles an ein Drahtseil und lief damit ums Dorf herum. Da hat ihm der Meister Schmied den Stecken weidlich schmieden müssen.
Mit dem Stab in der Hand ist der Hirte dann mit der Habe zur Alp gefahren. Unterhalb des Staffels waren drei eingezäunte Weiden, und auf jeder die Burg eines Riesen. Am Abend der Alpfahrt sagte der Senne zu dem Hirten: «Nimm dich wohl in Acht und treibe die Kühe nicht auf die Weiden der Riesen, sonst ist's um dich und die Tiere getan!» - «Nein, nein, weiss wohl», antwortete der Hirt, «aber gebt mir dicken Nidel zum Frühstück!»
Am andern Morgen bekam er einen grossen Napf mit Rahm, und dann ist er mit dem Senntum auf die Weide gegangen. Aber die Kühe drängten gleich zu der schönen saftigen Weide der ersten Riesenburg. Der Hirt hielt sie nicht zurück, sondern liess sie ruhig laufen, und ging mit seinem Stecken gemächlich hinterdrein. Kaum aber waren die ersten Tiere auf das umfriedete Gelände gekommen, da stürzte der Riese aus der Burg hervor, einen Baum mit samt der Wurzel schwingend.
«Wer hat dich hierher kommen heissen?» brüllte er, dass es in den alten Wettertannen und Lärchenbäumen prasselte und rauschte. «Niemand», antwortete der Hirte und gab dem Riesen mit seinem Stab einen Schlag an den Kopf, dass er, so lang er war, wie ein Baum zu Boden fiel. «Lass mich am Leben», rief er, «ich will dir zum Lohn ein rotes Ross geben, das so schnell läuft wie der Wind.» - «Das Ross ist ohnedies mein», sagte der Hirt und schlug den Riesen vollends tot. Dann hat er das Ross am Halfter genommen und es in den Stall auf der Burg gestellt. Am Abend trieb er die Kühe zum Melken auf den Staffel zurück. Die aber haben mehr Milch gegeben als je zuvor. Da sagte der Senn: «Du bist gewiss auf der Weide des Riesen gewesen?» - «Auf einer guten Weide bin ich gewesen», antwortete der Hirte.
Als er am andern Morgen austrieb, da sind die Kühe gleich zur andern Riesenweide gelaufen, und der Hirt wehrte ihnen nicht, sondern ging mit seinem Stecken gemächlich hinterher. Kaum betraten sie die Umfriedung, da stürzte der zweite Riese aus der Burg hervor, der schwang zwei ausgerissene Tannenbäume. «Wer hat dich hierher kommen heissen?» brüllte er, dass es scholl wie das Getöse einer Rüfe. «Wart, ich will dir dafür tun!» - «Ich selber», sagte der Hirt und gab ihm einen Schlag über den Kopf mit seinem Stecken, dass der Unhold umtrolte wie ein Steinklotz. «Lass mich am Leben», rief er, «und ich gebe dir ein schwarzes Ross zum Lohn, das so schnell läuft wie der Blitz!» - «Das Ross ist ohnedies mein», sagte der Hirte und schlug den Riesen vollends tot. Dann nahm er das Ross am Halfter und stellte es in den Stall der Burg. Zur Melkzeit trieb er das Senntum wieder auf den Staffel zurück, und die Kühe gaben noch mehr Milch als am Abend zuvor. «Du bist gewiss auf der Weide des andern Riesen gewesen», sagte der Senn. «Auf einer noch besseren Weide bin ich gewesen», sagte der Hirt.
Am dritten Tage gingen die Kühe zur dritten Riesenweide, und der Hirte mit seinem Stecken folgte gemächlich nach. Wie sie durchs Gatter kamen, da stürzte der dritte Riese aus der Burg hervor, der schwang drei Tannenbäume, als wären's dürre Haglatten, und brüllte, dass die Felsen und Flühe wackelten. «Wer hat dich herkommen heissen? Wart, das will ich dir für immer verleiden!» - Der Hirt sagte nichts, sondern gab ihm mit seinem Stecken einen Schlag über den Kopf, dass der Unhold sich überkollerte. «Lass mich am Leben», hat er gerufen, «und ich gebe dir ein weisses Ross, das so schnell läuft wie der Gedanke!» - «Das Ross ist ohnedies mein», sagte der Hirt und schlug den Riesen vollends tot. Dann nahm er das Ross am Halfter und stellte es in den Stall auf der Burg und trieb die Herde auf den Abend wieder zum Staffel zurück, und diesmal gaben die Kühe noch mehr Milch als am vorigen Abend. «Du bist gewiss auf der Weide des dritten Riesen gewesen», sagte der Senn. - «Auf der besten Weide bin ich gewesen», antwortete der Hirt.
Unlang, so hat der König im ganzen Land bekanntmachen lassen, der solle der erste Ritter im Reiche werden und die Königstochter zur Frau haben, der an einem Wettrennen am schnellsten zum Ziele reite. Am festgesetzten Tage nahm der Hirte das rote Ross aus dem Stall, das so schnell lief wie der Wind, und ritt auf den Festplatz, wo das Rennen stattfinden sollte. Da waren viele vornehme Herren, die besten Ritter, Grafen und Herzöge versammelt auf den edelsten Pferden. Aber der Hirt ist halt der Erste gewesen. Doch die Höflinge sagten zum König, er könne doch seine Tochter nicht einem armen Hirten zur Frau geben. Das Spiel gelte nicht. Er solle die Probe an einem andern Tage wiederholen lassen, wenn das Glück einem andern hold sei. Der König tat nach dem Rate und liess einen neuen Wettkampf ansagen. Der Hirte holte das schwarze Ross, das so schnell laufen konnte wie der Blitz, und ist wieder der Erste gewesen. Und wieder lagen die Höflinge dem König in den Ohren, er dürfe seiner Tochter und dem Reiche die Schmach nicht antun, einen gemeinen Hirten zum Schwiegersohn anzunehmen. Und der König liess sich noch einmal überreden und hat die Probe ein drittes Mal verlangt. Der Hirt aber holte das weisse Ross aus dem Stall, das so schnell laufen konnte wie der Gedanke, und im selben Augenblick, als das Zeichen zum Abritt ertönte, ist er schon am Ziel gewesen.
Diesmal hat ihm der König die Tochter nicht abschlagen können, ob auch die Höflinge Gesichter schnitten, als müssten sie Essig schluckweise trinken.
So ist der Hirt ein Prinz geworden und fröhlich stieg er mit der Gebse zu Alp.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch