Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Volkgang

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Grächen
Kategorie: Sage

In den Eggen zu Grächen im Wallis stand ein altes Alphaus am Rand der Strasse, die auch der Geisterweg oder Gratzug geheissen war. Darin wohnte ein Maurer, der war zu Frohnfasten geboren, und konnte drum mehr als sein Handwerk; denn wer zu Frohnfasten auf die Welt kommt, der ist geistersichtig. Und so ging denn auch dieser Mann mit den Wesen der anderen Welt um als mit Seinesgleichen und ward von mancher Erscheinung heimgesucht und oftmals im Traume mit der Ahnung künftiger Dinge begabt.

Einmal spät abends in einer Quatembernacht, als er, rechtschaffen müde von des Tages langer Arbeit, eben zu Bette gehen wollte und schon mit dem einen Bein aus der Hose geschloffen war, da hörte er aufs Mal vom Tal her die Strasse herauf ein mächtiges Getöse wie von Trommelschlag, Horngetön und Pfeifengeschrill, so stark, dass die nahen Felsen laut widerhallten. Schnell trat er ans Fenster, dass er sehe, was das für ein Lärmen wäre. Da sah er vom Kirchhof her einen langen Zug verhüllter Gestalten daherkommen, in weissen wallenden Gewändern, Männer und Weiber, junge und alte. Alle trugen brennende Kerzen in den Händen, matt in die Nacht hinausscheinend wie der Mond bei Nebelgewölk, und es war, als rauschte gewaltig der Wind durch die Wipfel der Bäume. Und wie das ferne Brausen eines Sturzbaches erscholl ein dumpfes Gemummel und Gebrummel. Dem Zuge voran aber schritt der knöcherne Tod, schrillen Striches seine Geige streichend. Mehrere von den Wandlern, meinte der Maurer, müsse er doch kennen: einige glichen längst Verstorbenen, andere Leuten, die noch lebten. Jetzt, da die Schar wie eine Wolke am Haus vorüberzog, ward er inne, dass sie hohlen Lautes dumpfe Trauergesänge psalmierten. Eine Stunde verging, er wusste nicht, wie lang oder wie kurz sie war, da endlich schien der Zug zu Ende. Zuletzt aber kam noch einer gegangen, ein Stücklein hinter den anderen drein, der stak nur in einem Hosenbein, das andere hielt er in der Hand, so dass er mit den Vorausgehenden nur mühsam Schritt hielt. Als er am Hause vorüberging, reichte er dem Manne seine Kerze. Da schlug die Uhr Eins, und im selben war der Spuk verschwunden mit einem Rasseln und Prasseln, als wenn Knochen und Schädel aneinander stiessen. Der Maurer aber stand in stockfinsterer Nacht fröstelnd am offenen Fenster und hielt statt des erloschenen Kerzenstumpfes ein bleiches Totenbein in der Hand.

Da schlug er das Zeichen des Kreuzes und ging stille zu Bett, nachdem er ein Vaterunser gebetet; denn nun wusste er, dass bald ein grosser Sterbet ins Land kommen solle, und er selber werde der letzte sein, der sterben müsse. Er hatte den Zug des Totenvolks geschaut, darunter auch die zu sehen sind, denen bald zu sterben bestimmt ist, und zwar in den Kleidern, in denen sie zu Grabe getragen werden. Und wie das Gesicht ihm angekündigt, so geschah es: Unlang, so ging der schwarze Tod um im Land, und als letzter vom Dorf ist der Maurer gestorben.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch