Die Schlange und das Kind
Den Sennenleuten auf einer Alp im Urnerlande war ein Kindlein geboren worden. Als es einige Jahre alt war, gab ihm die Mutter alle Morgen einen Napf voll Milch. Und während die Eltern an den steilen Halden heuten, sass das Kind mit seinem Kacheli auf den Steinplatten der Treppe vor der Hütte und trank seine Milch. Da kam eines Tages unter dem Geröll eine grosse schillernde Schlange hervorgekrochen und trank, was in der Schüssel war. Das nächste Mal brachte das Kind einen Löffel mit, machte Bröckli und wollte die Schlange füttern. Da es schon ein wenig reden konnte, sagte es: «Meckli äu näh, nit nur Mämmeli!» und wollte dem Wurm einen Brocken ins Maul schoppen. Aber die Schlange begehrte kein Brot. So ging es den ganzen Sommer, bis die Eltern einmal unvermutet von der Arbeit zwischendurch heimkommend das Kind reden hörten und inne wurden, mit was für einem Spielgefährten es seine Kurzweil hatte. Sie erschraken schier zu Tode. Und am andern Tag stand der Vater unbemerkt mit einem Knüttel hinter einer Wettertanne, und als die Schlange, wie gewohnt, herankroch, gab er ihr einen Schlag auf den Kopf, dass sie verendete.
Seit jenem Tage aber serbte das blühende Kind, und bald ist es gestorben.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch