Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Chämmi üff und niänä-n-ä!

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Region: Isental
Kategorie: Sage

Im Birchi, in einem Häuschen am Wege an, der von Isleten ins Isental führt, lebten vor Zeiten zwei hübsche Jungfrauen. Sie waren aber nicht wie die andern Mädchen im Tale, sondern von wunderlicher Sinnesart und absonderlichem Gebaren, und es hiess von ihnen, sie könnten mehr als andere Leut.

In ihrem Gärtlein stand ein schöner Kirschbaum, damals noch der einzige im ganzen Tale. Es konnte drum nicht fehlen, dass es dann und wann den Talleuten auch nach den leckeren Früchten gelüstete, und dass ein Nachbar bei ihnen um einige Kirschen bettelte. Aber selten nur wagte jemand davon in den Mund zu nehmen; denn man traute der Freigebigkeit der beiden nicht wohl.

Einmal kam auch ein junger Bursch zu ihnen, der weder Tod noch Teufel fürchtete. Freundlich hiessen sie ihn willkommen und stellten ein Becki voll saftiger Kirschen vor ihm auf den Stubentisch. Er besann sich nicht lange und langte herzhaft zu, während die Mädchen sich in der Küche zu schaffen machten. Aber noch hatte er nicht manche Kirsche verzehrt, als es ihn auf einmal unwiderstehlich zur Stube hinaus in die Küche trieb. Durch den Türspalt sah er die beiden an der Herdstatt stehen. Sie rührten wie nicht gescheit in einem Töpflein, und ein beizender Brodem stieg ins Gebälk. Der Bursche blieb stehen, still wie ein Stein. Jetzt schoben die Mädchen den Hafen vom Feuer und zogen ihre Kleider aus, bis sie fasernackt dastanden, und rieben sich am ganzen Leibe mit dem fertigen Schmeer ein. Dann nahmen sie vom Unterzug jede einen Stecken herunter, setzten sich rittlings darauf und murmelten: «Chämmi üff und niänä-n-ä!» und fuhren wie Vögel schwirrend und rauschend zum Rauchfang hinaus. - «So, so, ihr seid also derlei Zugvögel!», sprach der Bursche bei sich selber, «beim Eid, euch will ich nachgehen und sehn, was ihr treibt.» Und schon stand er am Herde, tupfte den Finger in den Tiegel und bestrich sich Hosenboden und Tschopenärmel mit der Salbe. Dann nahm er ebenfalls einen Stecken und rief: «Obä-n-us und uiberall ä!» Da lüpfte es ihn mit gewaltiger Wucht vom Boden auf und - huissst - fuhr er zum Kamin auf und aus. Aber, o heie, so hart warf und schlenkerte es ihn hin und her, dass er an allen Ecken und Kanten sich blau und blutig stiess, und weiter sauste es mit ihm durch die Lüfte fort in schwindliger Fahrt über Wipfel und Gipfel, Tobel und Täler, Flüsse und Seen, in weite, weite Fernen, dass ihm Hören und Sehen verging. «Jesus, Maria und Josef!» stöhnte er laut - da fiel er -pardauz - wie ein Sack zu Boden, grad über einem Wald, durch Äste und Zweige. In einem dichten Dorngestrüpp blieb er hängen, übel verkratzt und zerschunden.

Da stand er nun im fremden Land und wusste nicht aus noch ein. In seiner Not fing er an zu beten und die Muttergottes um ihre Hilfe anzuflehen. Aufs Mal stand eine wunderbar schöne Frau in weissem Gewande vor ihm, wies ihm mit der Hand die Richtung, in der sein Weg gehe, und war verschwunden.

Der Isentaler folgte dem Deut und wanderte drei Tage und drei Nächte. Endlich gelangte er zu einem Kloster, das er nicht kannte, und klopfte an die Pforte. Fremde Mönche nahmen ihn freundlich auf, aber niemand kannte ihn und keiner verstand seine Sprache. Zuletzt führten sie ihn vor den Ältesten im Kloster, der der Höchste über allen war. Es war ein ehrwürdiger Greis mit weissem Barte und tiefen Augen. Er sass auf einem prächtigen Stuhle und hielt ein grossmächtiges Buch auf seinen Knien aufgeschlagen. Das war das Weltenbuch. Der Bursche erzählte, was ihm widerfahren, und wie ihm zuletzt eine schöne weisse Frau die Richtung hierher gewiesen. Und dann fragte er nach dem Wege in seine Heimat. Mit ernster Stimme antwortete der Alte: «Niemals mehr, und wenn dein Leben hundert Jahre währte, und du jeden Tag zwölf Stunden wandertest, niemals mehr kannst du je wieder deine Heimat erreichen, es sei denn, ich segne dich!» Und er hob seine Rechte auf, segnete ihn mit dem Zeichen des Heiles und legte ihm ein geweihtes Skapulier an. «Nun ziehe hin in Frieden!» Dankbar schied der Bursche von den Mönchen und machte sich frohgemut auf den Weg und gelangte nach langer, langer Zeit endlich wieder heim ins Isental.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch