Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Hexenäpfel

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Ein junger Knecht ab einer Alp im Urnerlande ging öfter, als der Arbeit gut und dem Meistersennen lieb war, über die Berge zu einem Mädchen, das stundenweit weg wohnte, zur Stubeten. Und allemal kam er müde und verdrossen zurück, so dass die andern Älpler ihn schalten und ihm sein Treiben vorhielten. Der Bursche nahm sich die Vorwürfe zu Herzen, aber er konnte es nicht bleiben lassen, es ziehe ihn an allen Haaren zu dem Mädchen, obwohl es schönere gäbe und sie ihm nicht einmal besonders gefalle. «Sei auf der Hut», sagten die andern Knechte, «das geht nicht mit rechten Dingen zu! Wer weiss, was so ein Weibervolk alles auf der Pfanne hat.» Der Hirte beschloss, sich künftig vorzusehen. Als er das nächste Mal zu dem Mädchen kam, bezeigte sie grosse Freude und Freundlichkeit: «Musst etwas Gut's zu essen haben nach dem weiten Weg», sagte sie und ging in die Küche, um Kräpfel zu backen. In der Tür aber war eine Spalte, durch die schaute der Senn und sah im Rauchfang über der Feuerplatte eine gewaltige Kröte mit gedunsenem Bauche hängen. Die stach das Mädchen allemal an, wenn das Fett in der Pfanne verschmürzelt war. Da war der Magen vor der Mahlzeit satt, und jener wusste, was er wissen wollte, und stehenden Fusses nahm er Abschied mit dem Vorgeben, er müsse heute zeitig zurück sein. Das Mädchen machte zwar kuriose Augen, klopfte ihm aber lächelnd auf die Schulter und sagte: «Nun, komm recht bald wieder!» und gab ihm zwei prächtige goldgelbe Apfel mit, die dürfe er ja nicht weggeben, sondern er müsse sie selber essen. Der Hirte wagte nicht die Gabe auszuschlagen, nahm die Äpfel und bewahrte sie auf. Jetzt musste er gleich mehrere Male hintereinander das Mädchen besuchen, er konnte nicht anders. Es kam über ihn, und dann war's ihm wie einem Stein, der fällt. Und jedes Mal kam er blasser und ausgezehrter zurück. Wieder murrten die Mitsennen. Da erzählte er ihnen, wie es ihm ergangen sei. Sie rieten ihm, die Äpfel einer schwarzen Bündner Sau in den Trog zu werfen. Er tat's, und sobald das Tier die Äpfel gefressen hatte, rannte es blitzgeschwind über Berg und Tal geradeswegs dahin, wo jenes Mädchen wohnte, fuhr an der Hauswand empor bis zu ihrem Kammerfenster und stürzte tot zur Erde. Der Bursche aber ist nie mehr zu dem Mädchen gegangen.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch