Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das gefangene Toggeli

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Ein junger Bauer im Urnerlande war arg vom Toggeli geplagt. Fast alle Nacht schlich etwas in den Schlafgaden, sprang aufs Bett und kroch über die Decke herauf, sass ihm aufs Herz und drückte ihn so heftig, dass es ihm war, als müsse er vor Angst vergehen. Wenn es auf ihm lag, konnte er sich nicht rühren, nicht um Hilfe rufen, obwohl er wach war. Erst gegen Morgen liess es ab und entwich, aber er sah es weder kommen noch gehen; Tür und Fenster aber waren fest verschlossen. Die Plage wurde je länger, je ärger, und der Bursche magerte zusehends ab, obwohl er gute Kost hatte und nicht übermässig viel Arbeit, so dass er zuletzt blass und hohläugig, nur Haut und Knochen noch, herumwankte. Der Nachbar, ein älterer Bauer, fragte ihn öfter, was ihm fehle, aber lange wollte jener ihm den wahren Grund nicht sagen. Der liess aber nicht nach und brachte es schliesslich doch aus ihm heraus. Es werde wohl in der Wand oder in der Diele ein Loch sein, wo der Unhold hereinkomme, meinte der Mann. Sie schauten in der ganzen Kammer nach und fanden richtig in einer Ecke ein Astloch, das vom Ein- und Ausschlüpfen ganz glatt gescheuert war. Der Nachbar riet ihm, einen Holzzapfen zu schnitzen, mit einem eingekerbten Kreuz darauf, der ganz genau in das Loch passe. Und so wie er das nächste Mal die Nähe des Schrättligs spüre, solle er aufspringen und das Loch damit verschliessen. Dann werde das Toggeli sich zeigen müssen, und er sei es für immer los.

Der junge Bauer tat nach dem Rate. Sowie er in der nächsten Nacht das Wesen in der Kammer spürte, sprang er aus dem Bett und stiess den Zapfen ins Loch. Als er am Morgen erwachte, sass auf dem Bänkli ein wunderschönes, fasernacktes Mädchen. Das bat ihn flehentlich um Kleider. Er gab ihm, was von der Mutter selig her noch im Kasten hing. Das Mädchen aber ging nicht mehr fort, sondern blieb im Hause als Magd. Der Bauer fand Gefallen an ihr und machte sie zu seiner Frau. Und sieben Kinder hat sie ihm geboren. Immer wieder aber bat sie ihren Mann, er möge doch den leiden Zapfen aus dem Loch herausnehmen. Er aber sagte nein und blieb fest. Aber eines Tages zog eines der Kinder beim Spielen den Zapfen heraus. Da riss die Mutter sich alle Kleider vom Leibe: «Saget de-n-em Vatter, d's Toggeli syg de wider ids Niderland und heig e no la grüeze!» rief es den Kindern zu und schloff wie ein Vogel durch das Loch und ward von Stund an nicht mehr gesehen.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch