Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Hexe als Fuchs

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Ein Bauer von Scheid besorgte eines Winterabends das Vieh im Stalle seines Maiensässes. Hell schien draussen der Mond. Als er durchs Fenster schaute, erblickte er nahe beim Stall einen prächtigen Fuchs, der bellend und bläffend auf dem Schnee herumtanzte und allerlei seltsame Sprünge machte. Das tat das Tier die ganze Nacht. Am andern Abend war der Fuchs wieder da und tat wie tags zuvor. Der Bauer sah ihn, als er eben mit einer Burde Heu aus dem Stadel kam. Er ging in den Stall und holte seinen Stutzen, der immer geladen an der Wand hing, legte an und zielte. Aber der Fuchs hüpfte und müpfte, als wolle er seiner spotten, so dass der Mann nicht zum Schuss kam. Als der Fuchs einen Augenblick still stand, drückte er ab, aber das Pulver sprühte durch die Zündpfanne heraus und versengte ihm den Bart. Der Fuchs aber erhob sich keck auf die Hinterbeine und rieb sich mit den Vorderpfoten die Nase. Rasch lud der Mann wieder und legte an. Da kam der Fuchs näher und näher, und als er ganz nahe war, schrie er dem Schützen mit schriller Stimme zu: «Zil guat, Chäsperli!» - und war verschwunden, ehe der Mann losdrücken konnte. Erschrocken liess er das Gewehr fallen, die Stimme schien ihm wohlbekannt. Er schüttelte den Kopf und brummte: «Wart nu, dir will ich schon derfür tua», und er schabte andern Tages etwas Silber ab einem alten guten Kronentaler, lud sein Gewehr mit grobem Schrot, tat zum Pulver etwas von dem geschabten Silber auf die Zündpfanne und legte sich abends wieder auf die Lauer. Der Fuchs kam wie zuvor und machte noch tollere Sprünge und Spässe und geitschte und jaulte, als wenn ein Weib keifte. Der Jäger legte an und schoss. Der Fuchs geusste, tat einen lahmen Sprung und hinkte eilig davon.

Frühmorgens ging der Bauer der Spur nach. Die Fährte führte ins Dorf zu seinem eigenen Hause. Wie er in die Stube trat, da lag seine Schwiegermutter auf der Ofenbank, Kopf und Hals blutig. Gell schrie sie auf, und der Bauer erkannte den Laut des Fuchses. «Was hest auch du gmacht?» fragte der Mann. - «Du wirst's wohl selber wüssa», kreischte die Alte, zuckte zusammen und fiel tot von der Bank.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch