Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Nidelgret

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Region: Andermatt
Kategorie: Sage

Unweit von Andermatt liegt ein grosser weisser Steinblock in der Matte. Dort stand vor vielen, vielen Jahren ein Haus, darin ein altes Weib wohnte. Die hatte eine einzige Kuh. Die Alte wurde im Tal nur die Nidelgret genannt, weil sie von dieser einen Kuh immer mehr Nidel hatte, als fünfzig der besten Kühe Sommers geben. Das nahm die Leute denn doch wunder, und mancher hätte zu gern gewusst, wie's damit bewandt sei. Eines Abends beim Zunachten schlüpfte ein gwundriger Küher ungesehen in ihren Stall und versteckte sich im Futterkasten, um die Alte beim Melken zu belauschen. Sie kam hereingehumpelt und stellte eine grossmächtige Gebse vor sich hin und mit Armen und Händen wunderliche Zeichen und Gebärden vollführend, murmelte sie immer vor sich hin:

«Häxäguot und Sennäzoll,                                                                                                                Vu jeder Chuo zwee Leffel voll!»

Und kaum war das Wort gesprochen, da füllte die Gebse sich bis an den Rand mit dem schönsten Rahm. Dann nahm die Alte die Gebse auf den Rücken und ging aus dem Stall. Der Küher aber, der sich den Spruch wohl gemerkt hatte, lief eilig nach Hause, um die Kraft des Zauberwortes auch zu erproben. Zwei Löffel aber deuchten ihn der Müh nicht wert, und so murmelte er:

«Häxäguot und Sennäzoll,                                                                                                                Vu jeder Chuo zwee Chübel voll!»

Kaum gesprochen, floss und schoss der Rahm in solchen Strömen zu, dass bald Stall und Stube vom Boden bis zur Diele sich füllten, und der Küher elendiglich ertrank. Auf dem Dache ihrer Hütte aber sass die Nidelgret, lachte und schrie mit gellender Stimme: «Dä tuot's mir nimma nah!» Kaum hatte sie das gerufen, da fuhr eine dunkle Wolke mit einem sausenden Sturmwind daher. Das Haus der Hexe und des Kühers fegte es weg und davon wie dürres Laub, und an derselben Stelle steht seit dazumal der weisse Steinbock. Darinnen sind die Nidelgret und der habgierige Küher beschlossen bis zum Jüngsten Tag.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch