Der Schuster und der Hexennidel
In einem Dorf im Bernerland, wo viel fahrendes Volk vorüberkam, Bettelleute, Hausierer und wandernde Handwerksburschen, klopfte eines Tages auch ein armer Schuster an die Türen und bat um Arbeit. Aber nirgends war etwas für ihn zu tun, und mancherorts schletzte man ihm kurzerhand die Türe vor der Nase zu. «Schiess dich der Schnägg!» brummte der Bursche missmutig «das ist auch schier zum stigelsinnig und gatterläufig werden!» und wollte schon den langen Weg wieder unter die müden Füsse nehmen, als er am Ausgang des Dorfes ein stattliches Haus sah, das von der Strasse etwas zurücklag. «Versuch ich's noch ein letztes Mal», dachte der Schuster bei sich, «noch ist's ja nicht Feierabend», und klopfte herzhaft an. Die Bäuerin selber tat ihm auf, eine dicke, feste Frau, kugelrund wie ein Mehlkloss, und fragte ihn nach seinem Begehr. «Komm nur herein! Auf dich haben wir gerade gewartet!» sagte sie freundlich, als sie sein Anliegen vernommen hatte. Und nach einem kräftigen Imbiss sass unser Schuster bald in der Stube vor einem Haufen Schuhe, die zu flicken und zu nageln waren. Aber seltsam - es wollte ihm gar nicht so recht geheuer werden, alles kam ihm so eigen vor, er wusste nicht warum, so dass ihm auch seine Arbeit nur halb von der Hand ging.
Nach einer Weile kam die Bäuerin mit dem Butterfass herein und setzte sich in die Ecke, um zu kernen. Sie klemmte den Kübel zwischen die Knie, zog und stiess den Stöpsel auf- und abwärts - und unaufhörlich rann ein feiner Strahl dicken Nidels heraus. Das kam dem Schuster, der mit offenem Munde zuschaute, kurios vor, und immer wieder schielte er zwischendurch nach der Meistersfrau hinüber, die eifrig weiter hantierte. Zum Abendessen wurde der schneeweisse Nidel aufgestellt, und der mundete dem mageren Hungerleider von Schuster so gut, dass es ihn dünkte, so etwas Leckeres habe er in seinem Leben nie gegessen.
Dann wies man ihm seine Schlafstatt in einer kleinen Kammer an, und er legte sich zu Bette. Aber er lag wach: das geheimnisvolle Butterfass kam ihm nicht aus den Gedanken. Er hörte, wie die Bauersleute noch aufs Feld gingen. Da schloff er behend in die Hosen, schlich gleitig in die Küche, und da stand das Butterfass. Voller Gwunder drehte und wendete er es nach allen Seiten, da fand er unterhalb einen Zettel aufgeklebt, mit seltsamen Worten beschrieben. Sorgfältig löste er ihn ab, faltete ihn rasch zusammen und schoppte ihn in den Sack - und hurtig zurück in die Kammer. Er verschloss die Türe und legte sich aufs Ohr und bald war er eingeschlafen. Im Halbschlummer war ihm, als hörte er die Frau in der Küche kernen.
Am Morgen beim Aufstehen fand er unter dem Stuhl, auf den er am Abend seine Hosen hingeworfen hatte, einen weissen Brei. Mit grossen Augen und hochgezogenen Brauen starrte der Schuster den Fladen an. Es war dicker weisser Nidel. Nun schlug's ihm doch ein wenig in die Kutteln, aber er ging hinunter und machte sich an seine Arbeit mit einem Gesicht, man hätte zwei draus machen können, und schusterte und schusterte, dass ihm der Schweiss in hellen Tropfen von der Stirne rann. Er wagte gar nicht aufzublicken, und sah und hörte nicht die Frau mit dem Butterkübel in die Stube kommen, und ihr nach die ganze Familie und alles Gesinde. Er schnitt, stach, büezte, hämmerte drauflos, was das Zeug hielt. Plötzlich ein gellendes Gelächter. Er fuhr auf und schaute sich um: Da standen alle Hausbewohner um ihn her versammelt, die Bäuerin nur butterte eifrig in ihrer Ecke - aus seinem Hosensack aber quoll ein dünnes Bächlein weissen Nidels und tröpfelte auf den Stubenboden, wo schon eine grosse Lache lag.
Mit einem Kopf wie eine glühende Kuhschelle raffte der Schuster in aller Hast seine sieben Sachen zusammen, legte schweigend den zerknitterten Zettel auf den Tisch und stürzte ohne Abschied aus dem Hause, so schnell seine Füsse ihn trugen.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch