Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Sennentunsch

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Auf der Drusenalp hirteten vor alters einmal drei junge Älpler, Senn, Küher und Handknab, übersünige und ungeberdige Gesellen, denen es nur wohl war ums Herz, wenn sie mit allem und jedem ihren Mutwillen treiben konnten. Der schlimmste war aber der Meistersenn selber, ein gäher, gottloser Mann, der den lieben langen Tag bei allen Hantierungen schwor und fluchte, so dass die Flühe dröhnten, und den Namen Gottes und aller Heiligen frevlen Mundes höhnte. Aber von Gott abgeschworen, ist ewig verloren!

Bisweilen hatten die Sennen nicht eben viel zu tun, denn das Vieh brauchte auf der Weide kaum gehütet zu werden und wurde nie gestallt: Müssiggang aber ist allemal aller Laster Anfang. Eines Tages, als sie vor Übermut und Langeweile wieder einmal nicht wussten, was sie anfangen sollten und ihnen keine Kurzweil mehr geraten wollte, rief aufs Mal einer: «Wüsset er was, mir settend au as Wybervolk ha!» Und sie gingen hin und schnitzten mit vielem Gelächter aus einem Holztotz einen rohen Kopf mit Augen, Nase und Mund, und küferten aus ein paar alten Hosen und einem verhudelten Tschopen, die sie mit Gras und Mies ausfüllten, einen Leib dazu, lebensgross und menschenähnlich, einem Weibe gleich. Aus Blätzen und Fetzen schnürpften sie der neuartigen Docke eine Staatstracht zusammen, eine Jüppe mit kurzem Gstältli, ein Tschöpli mit Zülli und Häftli und einem bunten Schooss, ein Paar Ringgenschuhe an die Füsse und auf den Kopf ein Florbödeli mit Fransenchrüseli.

Den fertigen Dittitolgg nannten sie das Zurrimutzi, und taten mit ihm, als wäre er lebendig. Sie redeten mit ihm, als ob er ein Mensch wäre, trugen ihn auf den Armen herum, setzten ihn in die Sonne, legten ihn unter die Kühe und molken ihm Milch ins Maul, und trieben aller Gattung Unfug und Gugelfuhr mit ihm. Wenn sie assen, nahmen sie den Tunggel, setzten ihn zu sich an den Tisch und sagten: «Mir müend am Chlyna-n-au gä!» steckten ihm den Löffel in die Taapen und zeigten ihm, wie er tun müsse, wenn er essen wolle. Und da die Puppe starr und steif blieb, rief der Dinner: «Jo, tue jez au no dümmer a's d'bischt!» und schlug sie allemal von der Bank herab auf den Boden. Dann hoben sie sie wieder auf, setzten sie wieder vor den Tisch und riefen: «Zurrimutzi, magsch au a Bitz?» - «Se do, Schätzeli, muoscht au a Schläck ha!» und strichen ihr einen Chleipis Mus oder Nidel unter die Nase und ums Maul. Wenn sie einen Jass machten, sagte einer: «Chum, Zurrimutzi, wotsch au spilla?» und sie gaben ihm die Karten in die Hand, und der Partner schaute sie selber auf und spielte sie aus. Bald hätschelten und tätschelten sie den Tolgg, dann wieder lästerten und höhnten sie ihn, machten den Löl mit ihm und lachten ihn aus, und zur Nacht nahmen sie ihn abwechslungweise in ihr Gliger, indem sie einander neckten: «Hinecht kasch du s'Schätzeli bei der ha, mora denn ich!» Zuletzt meinte der Senn, man müsse das Heidewybli doch auch christlich taufen. Und nun wurden mit lautem Hui und Hei die grossen Plumpen geläutet, als ging es zur Kirche, der Scheiterstock war der Taufstein, eine Gebse voll Jauche das Taufbecken. Die Sennen als Götteti standen davor. Als aber der ruchlose Senne, als wäre er der Pfarrer, eben die Babe in den drei höchsten Namen mit Gülle begoss und das Amen sprach, da bewegte der Toggel aufs Mal die Augen im Kopf und die Glieder am Leibe, glotzte den Sennen und die Knechte greulich an, sperrte knarrend das Maul auf zu einem grässlichen Gelächter und lief in die Hütte.

Die Älpler standen schreckensbleich mit schlotternden Knien und gesträubtem Haar, und aller Spass war ihnen vergangen. Aber sie ermannten sich und gingen in die Hütte, -  da sass der Tunsch hinter dem Tisch und ass und frass den fetten Nidel, dass ihm der Schaum von den Lefzen troff. Da packten ihn die Sennen und rissen ihn in Hudeln und Fetzen. Aber als sie sich am Abend wohlgemut zu Tische setzen wollten, da sass der Tolgg voll und glockenganz in der Schroten und begehrte zähnefletschend zu fressen. Am andern Tag packten sie ihn abermals, schleppten ihn über die Weide bis an den Rand des grossen Tobels und warfen ihn über die Felsen ab in den Schrund hinunter. Aber als sie zur Hütte zurückkamen, da stand der Tunggel unter der Tür, lüpfte den Rock auf und wies ihnen mit grässlichem Gelächter das blutte Hinter. Da packten sie ihn und warfen ihn in die süttige Schotte, aber wie sie vor die Hütte traten, da trabte der Tunsch wie ein Ross auf dem Dach herum mit schrillem Hohngeschrei und schüttelte die Fäuste gegen sie.

Was wollten die Sennen machen? Ob's ihnen lieb war oder leid, die böse Babe war da und blieb da, und war den ganzen langen Tag auf Schritt und Tritt mit ihnen. Sie machte die Hausfrau auf der Alp, kochte, wusch, büezte, half das Vieh hirten, melken, ging beim Käsen zur Hand und beim Salzen. Und wenn die Knechte ihr einmal nicht gleich zu Willen waren, bleckte sie mit den Zähnen und warf ihnen Melkstühle und Holzscheiter nach. Sie redete auch, aber nur mit dem Meistersenn. Dabei ass und frass das Gespenst, dass die Älpler kaum für sich mehr genug hatten, so viel verschlang es bei jeder Mahlzeit, und wurde je länger je feisster, so dass alle drei es kaum noch lüpfen mochten, wenn es sich allemal am Sonntag zur Zeit des Kirchgangs von ihnen in die Sonne tragen liess. Denn die rohen Älpler hatten sich gar bald an den neuen Hausgenossen gewöhnt und machten wieder s'Kalb mit ihm und trieben's wüster denn je. Und jetzt spielte der Toggel beim Jassen als Vierter jeweilen selber mit, und wer's mit ihm hatte, der gewann immer.

So verging der Sommer, und es hub alsgemach zu herbsteln an, bis der Tag der Abfahrt herankam. Und die Älpler meinten die ganze Zeit, dann würde das Unwesen von selber ein Ende haben. Aber als alles Schiff und Gschirr aufgepackt und die Kühe zusammengetrieben waren und alles zum Aufbruch bereit stand und sie eben -kismis läckmis -forttreiben wollten, da stellte sich der Tunsch in aller Breite am Alpgatter in den Weg, glotzte die Männer teuflisch grinsend an und krächzte gellend: «So, der ganz Summer han j ghulfa schaffan-und werka. Jez g'hört mir au a Freud. I muoss fryli do blyba. Aber eina von-n euch muoss au do blyba. Sus gaht's euch alla bös!» Die Älpler sahen einander an wie gestochene Böcke, und der Knecht stotterte: «Was wemmer jez mit der Poppa macha?» Da sagte der Senn: «Gähnd ihr zwee nur afanga mit am Veh vorus. J blyba scho z'rugg und mach as mit am us!» Da brüllte der Tunsch: «So mached euch furt mit eurem Sachli und luaged nit z'rugg vor-er überein dritta Tobel sid!»

Als die beiden Knechte von der Höhe des dritten Tobels nach dem Stafel zurückblickten, da spreitete der Tunsch eben die blutige Haut des Sennen auf dem Hüttendach aus.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch