Des Teufels Ross
Der Schmied von Ruspek im Wallis hatte eine Tochter, die war überaus schön und klar von Angesicht und hatte eine feine und zarte Haut, wenn sie roten Wein trank, konnte man sehen, wie er ihr durch den Hals hinunterlief. Schön Anneli aber war nicht, was sie schien, insgeheim trieb sie Unholderei und Hexenwerk. Aber nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen, und selbst des Teufels Kunst bleibt nicht verborgen. Als ihr Vater, ein rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann, inne wurde, wes Handwerks seine Tochter beflissen war, da geriet er in heiligen Zorn und verfluchte sein missratenes Kind an Leib und Seele: «Ich wollt, der Teufel trüg dich über alle Gräte, du Höllenbraut!» und verstiess sie von Heim und Hof. Anneli aber ging trotzig ihres Weges.
Da kam ein flotter Reitersmann dahergesprengt, ein stolzer Herr in grünem Wams und rotem Mäntelchen mit spitzer Feder auf dem Hut, hielt jählings sein Pferd an, dass es steil aufbolzte: «Ei, schöne Jungfer», sprach er freundlich, «wohin so allein auf der weiten Welt? Wenn's Euch behagt, so nehm ich Euch eine Strecke mit, und wär's auch nur ein halbes Stündlein weit. Selbander reist sich's besser, und mein Pferd trägt gerne zwei.» Anneli lachte und sagte:
«E halbi Stund wär mir nit z'lang, Möcht by dir si mys Lebe lang!»
Da nahm der Reiter sie im Schwick am Gürtelschloss und schwang sie hinter sich aufs Ross und sprengte mit ihr staubvomboden über Stock und Stein auf und davon, dass Strauch und Dorn ihr das Kleid am Leibe zerschlissen und die Haut blutig rissen, geradeswegs vors Höllentor. Ja, seht ihr, so geht's: Zieh vor em Tüfel der Huet ab, so nimmt er der Huet und d'Hand derzue. Vor dem Höllentor aber standen drei Gottbhüetis. Der erste sprach: «Gottwilche, schöns Jümpferli!» - «Do goht's yne!» sagte der andere und stiess sie zur Tür hinein. «Do sitz ab!» sagte der dritte und führte sie zu einem glühigen Stuhl. Dann musste Anneli einen Becher voll Pech und Schwefel trinken. Hernach zogen ihm die drei Teufel die schneeschlohweisse Haut ab und machten aus ihm eine graue Schimmelstute.
Eines Morgens, als der Meister früh mit seinem Gesellen am Amboss stand und hämmerte, dass die Funken in Rauch und Russ wie Sternlein sprühten, kam aufs Mal ein fremder Reiter in vornehmer Kleidung auf einer grauen Stute im Galopp vor die Schmiede geritten.
«He, Meister Schmid, du wackre Ma, Gschwind schlag mym Ross nüw Yse-n-a!»
rief er, sich gleitig aus dem Sattel schwingend, in die Werkstatt herein, und band sein Ross am Türpfosten an. «Es hat Eile. Hab' nur einige schnelle Geschäfte im Dorf. Bin gleich wieder zurück!» schnerzte der Fremde noch und ging davon, ohne eine Antwort abzuwarten. «Das isch jez en schützlige Jasti», brummte der Schmied und machte sich gleich an die Arbeit. Er holte vier neue Hufeisen und spitzte die Nägel. Der Geselle hielt ihm den Huf hin, und mit sicherer Hand schlug der Meister das aufgeklemmte Eisen fest. Da lugte die Stute mit grossen blanken Augen vornherum zurück. Auch beim zweiten und dritten Eisen schaute das Tier unverwandt zurück. Doch als der Meister das vierte auflegte, da röchelte, schnob und wieherte das Pferd und plötzlich sprach es mit deutlich vernehmbarer Stimme:
«Ach, Vatter, höred, es isch jez gnueg, Ihr bschlöhnd eues eigne Fleisch und Bluet!»
Dem Meister Schmied entfiel schier der Hammer vor Chlupf, und er bebte am ganzen Leib: es war Schön-Annelis Stimme. Aber ehe er sich besinnen konnte und ein Wort sagen, stöhnte der Schimmel abermals tief auf und sprach: «Ach, Vater, schnell, schnell schlag das Eisen auf, schneide den Zügel entzwei und bet zu Gott und der Heiligen Jungfrau. Mein Reiter ist der Teufel. Kann ich über neunundneunzig Friedhöfe setzen, ehe er mich einholt, dann bin ich erlöst, sonst auf ewig verloren. Heut ist der letzte Tag, und drum darf ich als Mensch noch einmal sprechen.» - «Gott und seine heilige Mutter mögen dir beistehen, du armes Kind!» rief, zum Himmel aufblickend, der Schmied und schlug den letzten Nagel ein, löste dem Pferde den Zügel, und es flog davon wie ein Nebelstreif im Wind.
Da aber kam auch schon der Reiter zurück. «Wo ist das Ross?» - «Es wird auf die Weide hinuntergelaufen sein.» - «Was fällt dir ein, es loszubinden!» - «Ich habe das Pferd zu beschlagen, hüten müsst Ihr's schon selber. Gebt mir meine Bezahlung, Herr, und dann gehabt Euch wohl!» Mit einem greulichen Fluch, aufstampfend vor Wut, warf der Fremde dem Schmied das Geld auf den Amboss, dass es nur so klang und klirrte und Feuer und Funken stoben, und wurde im selben vor aller Augen ein schwarzer Hengst, der wie eine finstere Wetterwolke vorm Sturm ins Weite flog.
Der Meister und sein Geselle waren in die Knie gesunken und flehten inbrünstig zu Gott dem Allmächtigen und der Heiligen Jungfrau, dass sie das arme Kind durch ihre Himmelsmacht gnädig erretten möchten. Der graue Schimmel aber rannte derweil, dass ihm der weisse Schaum von Nüstern und Lenden troff und Lunge und Leber im Buge kochten. Er keuchte, stürzte, sprang wieder hoch, setzte weiter, aber immer näher und näher kam hinter ihm feuerschnaubend der schwarze Hengst. Eben, als die Stute die Mauer des neunundneunzigsten Friedhofs mit der letzten Kraft in einem gewaltigen Satze übersprang, erreichte der knirschende Hengst sie und schnappte mit schäumendem Maule das Ende des Schweifes, so dass es abriss. Da zuckte ein Blitz, und es tat einen Donnerklapf. - Da stand der Teufel, des erlösten Mädchens Haarzopf in den Klauen, und vor ihm auf dem Boden lagen die vier Hufeisen. Lottelnd vor Wut warf er beides nach Schön-Anneli, das mit gefalteten Händen auf dem Gottesacker kniete.
Nach mühsamer Wanderung, viele Tagereisen weit, kam Schön-Anneli mit den Hufeisen und der Haarflechte heim ins Vaterhaus. Der alte Meister aber schmiedete alle vier Eisen in eines zusammen und hing es mitsamt der Haarflechte und einem Blumenkranz als Dankgeschenk der Mutter Gottes in ihrem Kirchlein droben im Bergwald auf zur ewigen Gedächtnis dieser denkwürdigen Begebenheit.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch