Der Kesseldieb
Auf einer Alp im Urnerlande wurde vier Winter hintereinander der grosse Käskessel gestohlen. Wie man auch nachforschte, dem Dieb war nicht auf die Spur zu kommen. Das verdross die Bauern nicht wenig, denn so ein Kessel aus getriebenem Kupfer war teuer, und die Batzen rar. Endlich beschlossen sie, dem Dieb «den Segen zu legen». Sie gingen zum buckligen Jakob, der vieler geheimer Kräfte und Künste mächtig war und immer Rat und Trost wusste, wenn einer sich nicht mehr selber helfen konnte. Der versprach ihnen, den Dieb zu «b'stellen», durch einen Zauber festzubannen, so dass er wie angewachsen am Orte stehenbleiben müsse mit samt seinem Raube, bis einer ihm das Gestohlene wieder abnehme. So würden sie wieder zu ihrer Sache kommen.
Es wurde Herbst, und dann kam der Winter. Als im andern Sommer das Senntum zu Alp fuhr, fanden die Sennen einen Mann vor der offenen Hüttentür stehen, starr und steif, ganz verdorrt und eingeschrumpft, den Kessel auf dem Rücken. Aber wie sie ihn anrührten, um ihm den Kessel abzunehmen, da zerfiel er in Staub und Asche. Es war der Kupferschmied gewesen, bei dem die Bauern allemal die Kessel gekauft hatten.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch