Der reuige Dieb
In einem Dorfe predigte einmal der Pfarrer der Gemeinde: Unrecht Gut tut nicht gut, und wenn einer etwas gestohlen habe, so müsse er's wieder zurückgeben, so lange es ihm noch vergönnt sei. Spät gereut in der Zeit, ist gewonnene Ewigkeit. Da war nun einer unter dem Kirchenvolk, der hatte einem Bauern einen Sennkessel gestohlen. Dem griff das Wort ans Herz, und er sann hin und her, wie er den Kessel seinem rechten Eigentümer wieder zurückgeben könne, ohne dass es auskäme. Denn er wollte, dass alles noch vor Ostern getan sei, wo er zur Beichte gehen sollte. Endlich fiel ihm ein, wie es zu machen wäre. Er verkleidete sich als Geist, nahm den Sennkessel auf den Rücken und machte sich mitten in der Nacht auf den Weg zum Gehöfte jenes Bauern. Dort klopfte er an die Haustüre, und bald kam auch der Bauer mit einem Licht in der Hand und tat die Türe auf, um zu sehen, wer draussen sei. Dem stand schier das Herz still, als er das Gespenst mit dem Sennkessel vor sich sah. «I muess geista, wyl i eu das Sennkessi gstohla ha, und iez möcht i na wider z'rugg gä!» sprach der Geist mit hohler Stimme. «Er söll der gschenkt si, er söll der gschenkt si! B'halt an nu, de Kessel!» sagte der Bauer vor lauter Angst, dass der Geist ihm etwas anhaben möchte. Der aber liess sich das nicht zweimal sagen, sondern machte sich auf hurtigen Füssen davon. Dem Pfarrer aber beichtete der Schelm, dass er einen Sennkessel gestohlen habe, als er ihn jedoch habe zurückgeben wollen, da hätte man ihm den Kessel geschenkt. Und er ward aller Sünden losgesprochen. Bald darauf ist der Mann gestorben. Aber viele haben ihn lange nachher noch umgehen sehen mit dem Sennkessel auf dem Rücken.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch