Die geschlachtete Kuh
Bei der Abfahrt von der Alp Rämisgummen bemerkte der Senn, als man schon mehrere Stunden weit gekommen war, dass ihm eine Kuh fehlte. Da man ihr erst wenige Tage zuvor das Kalb genommen hatte, nahm er an, sie sei unterwegs entlaufen, um ihr Junges zu suchen. Und er sandte den Hirten zurück, dass er sie nachbringe. Der fand das Tier erst nach stundenlangem Suchen. Da war es aber schon so spät am Abend, dass er mit der Kuh in die Alp ging, um dort zu übernachten.
Er stellte sie in den Stall, verschloss vorsorglich die Tür und legte sich auf die Gastern.
Eben war er am Einschlafen, als es plötzlich mit Getös und Gebraus daherfuhr, so dass er erschrocken von seinem Gliger aufjuckte: Männer und Weiber kamen mit Hui und Hallo in die Hütte herein. Die sangen und lachten und schwatzten durcheinander, misstönend wie das Gelärme von Elstern, und taten ganz, als wären sie hier daheim. Sie hatten altmödige Gewänder an, am Leibe aber waren sie nicht wie rechte Leute anzusehen. Einige schienen lahm und tschiengig, andere halbblind zu sein, wieder andere krumm und von vorn und hinten bucklig, noch andere räudig und voller Schorf. Ihre Haut war dunkelgelb und runzlig wie verschrumpftes Leder, und allen fehlte an der rechten Hand der Zeige- und Mittelfinger. Dem Hirten grauste, dass ihm der Schauder das Haar sträubte. Die unheimlichen Gäste machten Feuer an und begannen zu käsen und Nahscheid zu bereiten. Die fertigen Laiber legten sie auf ein Brett am Boden. Plötzlich rief einer: «Holt jetzt die Kuh her!», und mit lautem Toben brachten einige die Kuh herein. Und unter allerhand Sprüchen und Geberden schlachteten sie das Tier, schlitzten es auf und zerlegten es. Dann ging es an ein Sieden und Braten, indes andere alle Anstalten zum Mahle trafen. Der Hirte auf der Lischen droben wagte kaum zu atmen bei dem Tumult und zog die Decke über den Kopf, um nichts mehr zu hören und zu sehen, bachnass vor Schweiss, so angst war ihm. Aber als das Volk unten johlend und polternd am besten Essen war, rief plötzlich einer mit geller Stimme: «Gänd däm dobe-n-au e Bitz!» Der Hirte schloff noch tiefer ins Heu. Da stieg einer tipp tapp die Leiter hinan und bot ihm auf einem Stück harten Zwiebacks einen Streifen duftenden Fleisches. Der Hirte, dem vor Entsetzen der Laut in der Kehle b'steckte, wehrte mit beiden Händen ab. «Iss oder stirb!» schrie der Mann und hielt ihm das Fleisch an den Mund. Da nahm der Hirte ein nussgrosses Stücklein zwischen die Zähne. Es war so wohlschmeckend, wie er sein Leben lang nie nichts gegessen.
Unterweilen war das Mahl beendet. Nun wurde die Haut der geschlachteten Kuh ausgebreitet, einer sammelte sorgfältig alle Knochen und Knöchlein und warf sie hinein, faltete dann die Haut zu einem Bündel zusammen, murmelte einen Spruch unter allerhand Geberden und rief zum Schluss: «Rosina stand uf!» Da machte der Hirt, der starr wie ein Stein allem zusah, das Zeichen des Kreuzes und sagte laut: «B'hüet's Gott!» Da wurde es mit einem Schlage stockfinster und totenstill.
Aber der Hirt hat die Nacht kein Auge mehr zugetan. Er lag wach, bis der Tag über den Grat kam, und dachte bang, was wohl der Meister sagen werde, wenn er morgen ohne Kuh zurückkomme. Als es heiter geworden war, sah er sich in der Hütte um: Der Käs war ein Stein, die Nahscheidlaibe getrocknete Kuhfladen, der Zwieback eine Schindel. Wie er aber vor die Hütte auf den Staffel hinaustrat, hörte er ein fröhliches Muhen aus dem Stall. Die Tür war fest verschlossen. Da stand die Kuh unversehrt und ganz. Er nahm sie am Halfter und führte sie talab. Da aber sah er, dass sie mit einem Hinterbein hinkte. Er schaute nach und fand, dass am Schenkel ein kleines Stücklein Fleisch fehlte, just so gross als das gewesen war, das er nächten gegessen hatte.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch