Der verhexte Melkstuhl
Auf der Alp Altsäss kam den Sennen ein Melkstuhl allemal wieder aufs Obersäss zurück, so oft man ihn bei der Abfahrt vom oberen Staffel mit allen anderen Geräten aufs Untersäss hinabbrachte. Aber niemand konnte sagen, wie das zuging.
Da hiess einst der Meistersenn den Hüterbuben den Stuhl vom Obersäss herabholen. Wenn's ihm gelinge, so bekomme er die schönste Glockengeiss zum Lohn. Diese Geiss war des Buben Lieblingstier, und um sie zu eigen zu haben, wäre er geradeswegs in die Hölle gelaufen. Und so stieg er hurtig haldan, um noch vor dem Zunachten oben zu sein. Wie er zum Staffel kam, schlich er zur Hütte und schaute zu einer Spalte im Balkenwerk hinein. Da sass just auf dem Stuhl, den er holen sollte, ein ungeschlachter Geselle, ein riesengrosser Küher vor dem Kessel, und feuerte. Dem Buben schlug das Herz bis zum Hals hinauf, aber er dachte an seine Geiss, und rannte in die Hütte hinein, riss dem Riesen den Melkstuhl unter dem Leib weg, so dass er rücklings zu Boden stürzte - und lief, so schnell die Füsse ihn trugen, talab. Als er auf dem Untersäss ankam, lachte ihn der Meister nur aus und sagte, alles sei barer Spass gewesen, und wollte ihm die versprochene Geiss nicht geben.
Da aber kam in der Nacht der riesige Küher aufs Hüttendach herab und rief mit einem Rust wie Donnergrollen durch die Schindeln hinunter:
«Dem Buob gehört die Glockengeis. Wären aber nit mit gsin Die Hitz und der Witz Und die Beiss Die Glockengeiss wär bliben dyn!»
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch