Die Tellen im Berg
Es begab sich, dass dem Geissbuben auf Seelisberg eines Tages eine Geiss entlief. Er machte sich auf, nach ihr zu suchen. Als er unter einer Balm absass, um ein wenig zu ruhen, gewahrte er, seitwärts auf den Felsen blickend, in der Wand eine Spalte. Die war wie eine Tür. Er lief darauf zu, steckte seinen Stock in den Letten, öffnete und ging hinein. Weiter innen kam er bald an eine zweite Pforte. Er tat auch diese auf und kam in einen Raum, der nur spärlich erleuchtet war. Da schaute er drei uralte Mannen in Gewändern, wie sie dazumal niemand mehr trug. Die sassen um einen Tisch, die Häupter schlafend auf die Platten gestützt. Die langen, weissen Bärte hingen ihnen auf die Erde hernieder und waren weit über den Boden hin ausgebreitet. Da hub einer von ihnen, ein gewaltiger Mann, der alte eigentliche Tell, sein Haupt auf, lüpfte die Augenlider und fragte mit rauhem Rust: «Welche Zeit ist auf der Welt?» - «Es ist hoch am Mittag!» antwortete erschrocken der Bube. Da sprach der Tell: «Es ist noch nicht an der Zeit, dass wir kommen!» neigte das Haupt und entschlief alsbald wieder. Der Hirte entsprang, so schnell seine Füsse ihn trugen, und erzählte den Leuten daheim, was ihm widerfahren sei. Er sollte ihnen darauf die Pforte in der Balm zeigen und führte sie an den Ort; der vergessene Stecken stak noch im Lehm, und vor der Fluh waren die Spuren seiner Holzschuhe noch deutlich zu sehen. Aber die Tür hat der Knabe nicht wiedergefunden.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch