Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Glückstraum

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Grindelwald
Kategorie: Schwank

Auf der Alp Trichelegg zu Grindelwald hirtete vor Zeiten ein Küher. Hans Kuhschwanz hat er geheissen. Der war auch von dort, wo die Spatzen in der Ernte sterben; ein armer Mann ist er gewesen und schwer hat er tun müssen, und war doch immer am Hag an, und oft am Feierabend nach saurem Tagwerk seufzte er unmutsvoll: «Wenn's eim nit will, so schwindt eim der Mist in der Gruebe.» Da träumte ihm eines Nachts, er höre eine Stimme rufen:

«Z'Thun uf der Sinnebrück,                                                                                                       Machsch de dys Glück!»

Am Morgen erzählte er seinem Weibe den seltsamen Traum und wollte gleich den Weg unter die Füsse nehmen. Die Frau aber war eine gar gescheite, die ihrem Manne nie keine Zeit liess und bei keinem Worte recht haben, und das Maul ging ihr, wie dem Wasserstelzchen der Sterz. Die sagte: «Was willst du den helllichten Tag verfeiern und deine Schuhe für nichts ablaufen? Als wenn sonst nichts zu werken wär', und wir vorige Zeit zum Vertörlen hätten!» Der Hans schnitt ein Gesicht, als wenn er Spinnweben gefressen hätte, und machte sich brummelnd und mummelnd an seine Arbeit und het an sym Schiff und Gscher dänglet und ghämmerlet und pöpperlet, bis em d'Hose chlötterlet händ.

Aber in der nächsten Nacht hatte er nochmals akkurat denselben Traum. Doch auch diesmal hielt ihn die Frau zurück: «Traum ist Schaum», sagte sie. «Geh lieber Scheiter beigen!» denn sie hatten unlang das Jahrholz vermacht.

Aber in der folgenden Nacht hatte Hans den wunderlichen Traum zum dritten Mal. Und ganz deutlich, als wär's grad beim Ohr zu, hörte er wieder die Worte:

«Z'Thun uf der Sinnebrück,                                                                                                       Machsch de dys Glück!»

Jetzt gilt's, dachte Hans, als er früh vor Tag erwachte, und leise, damit er seine Frau, die noch tief in der Bettkiste lag und schlief, ja nicht wecke, schloff er in die Hosen und schlich auf den blossen Zehen aus dem Schlafgaden in die Küche hinaus, schoppte ein Stück altbacken Brot in den Tschopen und ging starrengangs nach Thun. Und als die Sonne aufging, stand er schon voller Erwartung auf der Sinnebrücke. Aber alles war leer und niemand um den Weg. Der Hans wartete wohl ein Viertelstündlein. Da kam der Geisshirt, bot ihm gute Zeit und trieb eilig seine fröhlich glöckelnden Geissen weiter. Dann kam lange Zeit niemand. Der Hans lief hin und her und wusste nicht, was anstellen. Er schaute dem Lauf des Wassers zu und dem Flug der Vögel. Alsgemach wurde es Mittag, und der Hans bekam Hunger. Er nahm sein Brot hervor und ass. Um alles wäre er nicht von der Brücke gegangen. Aber er mochte warten, wie lange er wollte, niemand kam. Ein altes Sprüchlein von der Mutter selig kam ihm in den Sinn, und er sprach zu sich selber:

«Wart e Wyli, beit e Wyli                                                                                                                      Und sitz e Wyli nider.                                                                                                                        Und wenn d'e Wyli gsässe bisch,                                                                                                      So chum und säg mer's wider!»

Aber zuletzt am End wollte ihm der Geduldsfaden nachgerade denn doch abreissen, und er schaute schon ganz grämlich zum Niesen hinauf; denn er dachte, wie die Frau ihn wegen der vertanen Zeit schmähen werde und obendrein noch auslachen, dass er so leichtgläubig gewesen sei. Aber da war's ihm, als höre er die Stimme aus dem Traume wieder, aber diesmal ganz laut:

«Z'Thun uf der Sinnebrück,                                                                                                      Machsch de dys Glück!»

und er blieb standhaft und wartete, bis die Sonne unterging. Da trieb der Geisshirt seine Herde über die Brücke zurück. Als er sah, dass der Hans noch immer da war, blieb er stehen und schaute ihn lange an. Dann sprach er: «Jetzt nimmt's mich denn aber doch Wunder, was du im Sinn hast, dass du den ganzen geschlagenen Tag hier wartest, und ein Gesicht machst du, als tätest am ewigen Gangwerk studieren!»

«Z'Thun uf der Sinnebrück,                                                                                                      Machsch de dys Glück!»

sagte der Hans drauf, das habe ihm dreimal hintereinander geträumt, und ehe es wahr geworden sei, gehe er nicht heim. Da lachte der Geisser, dass ihm der Kinnladen lottelte, und

sagte: »Ohjeh, guter Freund, da kannst du noch lange warten! Mir hat es auch mehrmals schon geträumt, ich solle nach Grindelwald gehen, auf die Trichelegg in Hansen Kuhschwanz'

Haus. Da sei in der Küche unterm Herd ein Kessel voll Geld, und ich rühre deshalb kein Glied. Wie möcht einer, der recht im Kopf ist, sich solcher Sachen achten! Denk nur, wer in aller Welt wollte auch Hans Kuhschwanz heissen!» Der Hans hörte kaum die letzten Worte noch, als er schon davonstürmte, als hätt' ihn 's Wespi gestochen, und den Geisser stehen liess. Der schaute ihm mit offenem Munde nach, tupfte sich mit dem Finger an die Stirn und schüttelte den Kopf. «D'Narre sind au Lüt, aber nit all Lüt Narre!» sagte er und lief hurtig hinter seinen Geissen drein.

Als der Hans spät in der Nacht heimkam, riss er gleich die Feuerplatte heraus, da stand der Topf bis zum Rande voll lötiger Goldtaler. «Jetz het au mir emol die rächt Chue chalberet», sagte der Hans und schloff ins Bett, wo seine Frau schon im besten Schlafe lag.

So war der Hans über Nacht der reichste Bauer weit und breit geworden. Aber Kuhschwanz wollte er sich jetzt nicht mehr nennen hören. Er ging zum Landvogt in Interlaken, und der musste ihm einen gmögigeren Namen geben, der besser zum vollen Geldseckel passen sollte. Wie meint ihr, dass der geheissen hat? Geht selber hin und fragt beim Gemeindeschreiber nach!

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch