Wie der Bartolo den Hauszins zahlte
In einem baufälligen Häuslein oberhalb des Dorfes, das einem reichen Herrn gehörte, wohnte eine arme Familie zur Miete. St. Martin, der Zinstag, war schon vorüber, aber kein roter Rappen im Hause. Da kam eines Tages der Besitzer, um das fällige Geld einzuziehen. Er traf aber nur den Bartolo daheim, des Schuldners Sohn, der im Dorf für blöde galt. Er sass auf der Herdplatte neben dem Feuer, darauf ein brodelnder Kochtopf stand. «So, so, Bartolo, was machst auch du da?» fragte ihn der Herr. «Mooh, ich gebe acht darauf, wer heraufsteigt und wer hinuntergeht», erwiderte der Bursche. «Kommen denn so viele Leute hier herauf?» fragte der Herr. «He nein, kein Bein», antwortete der Bursche. «Hm, wo ist auch dein Vater?» fragte der Herr weiter. «Er ist gegangen, um ein Loch zu machen, damit er ein anderes Loch stopfen kann.» - «Hm, und wo ist denn deine Mutter?» «Sie ist im Ofenhaus und backt grad ehgegessen Brot!» «Hm, und dein Bruder, wo ist denn der?» «Der ist eben auf der Jagd, und die er erlegt, lässt er laufen, und die er nicht erlegt, die bringt er heim.» - «Hm, und deine Schwester, was macht denn die?» - «Sie beweint ihre ferndrigen Freuden.» - Der Hauswirt zog die Stirne kraus und schüttelte verwundert den Kopf und wusste nicht, ob er lachen oder unwirsch werden sollte. «Du sprichst wie ein Narr oder wie ein Weiser», sagte er, «möchtest du mir deine Rätsel nicht erklären?» - «Ei wohl, recht gern, Herr, wenn Ihr uns die Schuld erlasst, denn ein Dienst ist des andern wert und eine Gefälligkeit ruft der andern», antwortete der Bartolo. «Ja», sagte der Herr, «wenn deine Antwort Hand und Fuss hat. So sag mir denn: wen siehst du herauf und hinunter steigen?» - «Oh, das ist doch sonnenklar», sagte der Bartolo und lüftete den Deckel des Topfes, «da schaut nur hinein und seht selber. Ich siede Bohnen, die steigen fleissig auf und nieder.» - «Und was ist mit dem Loch, das dein Vater macht, um ein anderes zu stopfen?» - «Ja, freilich, ja, mein guter Herr, er geht im Dorf herum von einem Nachbarn zum andern, um die Summe zu entleihen, die wir Euch schulden. Also macht er ein Loch, um ein Loch zu stopfen.» - «Und das ehgegessene Brot, das deine Mutter backt?» - «Das Brot, das wir die letzte Woche gegessen haben, war vom Nachbar entliehen. Nun backt die Mutter neues, um es den Leuten zurückzugeben.» - «Aber was in aller Welt macht dein Bruder, der laufen lässt, die er erlegt, und die er nicht erlegt, heimbringt?» - «Ei, das Ungeziefer stach und juckte ihn, da ging er hinaus und zog sein Hemd aus und liest die Flöhe ab. Die er erwischt, lässt er laufen, die er nicht erwischt, bringt er heim. Das ist doch nicht schwer zu verstehn!» - «Was aber ist mit deiner Schwester, die das Glück des letzten Jahres beweint?» - «Ja, seht, guter Herr, sie hat im vorigen Frühling mit ihrem Liebsten Hochzeit gemacht. Da war eitel Lust und Freude. Aber jetzt, wo er sie hat, ist er böse, schilt und schlägt sie und macht sie weinen. Ja, so geht's zu in der Welt!»
Da sprach der Herr: «Wohl, wohl, Bartolo, du bist ein gescheiter Bursch, das hast du gut gemacht. Die Schuld sei euch geschenkt. Geh lauf, bring deinem Vater den Schein hier.»
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch