Der Hirt und der Bär
Einem Hirten, der im Walde nach einem entlaufenen Rinde suchte, begegnete plötzlich auf einem kaum fussbreiten Pfade am Rand einer Fluh ein grossmächtiger Bär. Beide blieben stehen und musterten einander. «Mach mer keini Stempeneie, du Stopfli», sagte der Hirt, «lueg, i muess do dure-nund wenn's all Mumpfel en Ma chost. Gschwind, gang mer us Weg, i ha my Bsunderig gern apartig!» Da stund der Bär auf die Hinterbeine und zeigte dem Fürchtenichts seine Pratzen und seine Zähne. «Jä, so, umtrohlet isch au gfalle», sagte der Hirt, «witt mi, so hol mi, aber heb sorg, susch chuntsch frömd Händ i d'Hoor über.» Da erhob der Bär fauchend seine Tatzen. «Chumm nume z'Tanz, du Donners Läcker, wenn's di glustet! I will di scho päckle, dass warm git!» Da brummte der Bär und bewegte sich vor. «So jez isch de gnueg, du Fekkelschätzer, du muesch mer hindersig uf Rom!» rief da der Hirt und umschlang den Meister Mutz mit nervigen Armen, als wär's am Schwinget auf ebenem Grasboden - und beide stürzten über die Fluh ab. Der Bär, der schwerer war, kam im Falle unten zu liegen und blieb tot auf der Stelle. Mit einem Ruck löste sich der Hirt aus der Umschlingung und stand auf. «So gsehsch jez, du Thorejoggel, was hani der gseit, jez bisch du tot, i aber nit!»
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch