Die Feenfrau
Es waren einmal zwei Zwillingsbrüder, die waren so schön wie der schönste Sonnentag und stolzer als der stolzeste Adler. Ich glaube, mutigere Knaben gab es keine im Lande.
Eines Tages ritten die beiden selbander vom Markte heim. Auf ihrem Weg mussten sie durch einen grossen, finstern Forst. Es war schon spät am Abend, und der Vollmond schien hell durch die Bäume. Plötzlich hörten die Burschen aus einem Busch ein helles, fröhliches Lachen ertönen. Sie hielten ihre Pferde an, und der Ältere sprach: «Hast du’s auch gehört?» - «Ei freilich!» antwortete der Jüngere, «dadrinnen müssen junge Mädchen sein und sich lustig machen.» Aber kaum hatte er das Wort recht gesagt, siehe, da kamen in der Tat zwei Mädchen auf sie zu, ganz prächtig in Gold und köstliche Seide gekleidet. Und so schön waren sie zu schauen wie die Engel im Himmel. Und mit wunderlieblichen Stimmen redeten sie die Brüder an: «Guten Abend, ihr wackeren Burschen», sprachen sie. - «Schönen Dank, ihr lieben Jungfern», erwiderten diese und lüpften die Hüte. - « Ihr seid doch Zwillingsbrüder?» sprachen weiter die fremden Jungfrauen, «und wir sind Zwillingsschwestern, aber nicht gewöhnliche Mädchen, Feen sind wir. Heiratet uns, und wir machen euch so reich, wie der König ist. Und Kinder werden wir euch schenken, so schöne und starke, wie ihr seid.» - « Ei freilich, so heiraten wir uns!» rief voller Freude der ältere der Brüder, «ich nehme die ältere Schwester.» - «Hei ja, heiraten wir uns!» rief der jüngere Bruder und jauchzte vor Lust, dass es im ganzen Wald hallte und schallte «und ich nehme die jüngere Schwester!» - «Und morgen früh soll die Hochzeit sein», sagten die Mädchen, «geht jetzt heim, und ehe es tagt, seid an der Tür des Kirchleins dort oben am Waldrand. Aber hütet euch wohl, dass ihr bis dahin keinen Bissen beisst und keinen Tropfen trinkt. Sonst kommt ein grosses Unglück über uns alle.» - «Ei, seid getrost, ihr lieben Bräute, wir werden getreulich tun, was ihr wünscht», riefen eines Mundes die Brüder, sagten Gutnacht für heute und ritten geradeswegs heim zu ihren Eltern. Aber kein Sterbenswörtlein haben sie daheim erzählt von allem, was sich auf dem Wege begeben, und keinen Bissen assen sie, und kein Tröpflein tranken sie. Still legten sie sich in ihre Betten und schliefen ein.
Aber als es Mitternacht geworden war, da erhoben sie sich ganz sachte, dass niemand im Hause erwachte, sattelten ihre Rosse im Stall und ritten staubvomboden fort, dass sie noch vor Tag zu dem Kirchlein oben am Waldrand kämen. Auf dem Wege mussten sie an einem Kornfeld vorüber reiten. Und die Ähren waren schon reif. Und unversehens bog sich der jüngere Bruder vom Ross, er rupfte eine Ähre ab dem Halm, schob ein Korn zwischen die Zähne und zerkaute es.
Als sie vor das Kirchlein kamen, da stand die Türe weit offen, und am Traualtare brannten die Kerzen und gaben hellen Schein. Die Feen aber warteten schon, angetan mit seidenweissen Brautkleidern, festlich geschmückt mit schimmernden Schleiertüchern, daran kleine Perlen blinkten wie Tautropfen in der Sonne. Auf dem Haupte trugen sie goldene Krönlein mit leuchtenden Strahlsteinen, und das Haar war mit bunten Blumen durchflochten, die gar köstlich dufteten. Aber die jüngere sass an der Pforte und weinte herzzerbrechend - plitschnass war ihr Schleier vor lauter Tränen. «Wehe mir und dir!» rief sie jammernd, «warum hast du vergessen, dass du keinen Bissen beissen und keinen Tropfen trinken solltest! Nun hast du grosses Unheil verschuldet. Denn jetzt kannst du mich nicht mehr zur Ehe nehmen. Wär’ ich dein Eheweib geworden, so wäre ich geworden, wie die Menschenfrauen sind. Aber jetzt muss ich für immer und ewig eine Fee bleiben.» So sprach die arme junge Fee und rang die Hände. Dann wandte sie sich klagend ab und entschwand im Walde, und niemand hat sie jemals mehr gesehen.
Nun traute der Pfarrer halt nur den älteren Bruder und die ältere Fee. Nach der Feier wünschte der jüngere den Neuvermählten alles Glück und Gut. « Gott behüt’ euch», sprach er, «lebt wohl! Ich gehe jetzt in die weite Welt hinaus, und so weit will ich wandern, bis ich in der Fremde einen Ort gefunden habe, wo ich mein Leid vergessen kann. Grüsst Vater und Mutter daheim und sagt ihnen, dass sie mich nie mehr sehen werden auf Erden.» Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg, bitterlich weinend.
Der Bruder aber führte seine schöne junge Frau heim zu den Eltern. Am Abend aber vor dem Einschlafen, als alles stille geworden war im Hause, da sprach die junge Frau zu ihrem Manne: «Höre! Wenn du mich lieb hast, so versprich mir eines: Sag nie, dass ich eine Fee gewesen bin, und schilt mich nie, sonst geschieht ein grosses Unglück.» - «Liebe Frau, was denkst du auch!» antwortete der Mann, «hab keine Angst, nie werd’ ich es tun.»
Und so lebten sie denn sieben Jahre lang in Lust und Liebe beieinander auf ihrem schönen Herrenhof mitten im Lande. Und sieben gesunde, runde Kinder hatten sie. Eines Tages musste der Mann über Land, und er überliess Haus und Leute der Obhut seiner Frau. Es war Hochsommer und heisses Sonnenwetter, und das Korn hub alsgemach zu reifen an. Aber aufs Mal schaute die Frau auf zum Himmel und rief erschrocken: «Auf, ihr Knechte und Mägde! Eilt aufs Feld und schnell, schnell schneidet alles Korn! Sonst schlägt ein Hagelwetter uns den Segen in die Erde!» - «Aber, aber, Frau Meisterin», widerredete der Meisterknecht, «der Himmel ist doch so heiter und hell, und das Korn steht erst halbreif im Halm.» - «Schweigt still und tut geschwind, wie ich euch sage», erwiderte die Frau. Da gingen die Leute und schnitten das Korn und banden die Garben. Und sie arbeiteten noch immer, als der Herr heimkam. «Was machen denn die Leute heut auf dem Felde, liebe Frau?» fragte der ganz verwundert, wie er die Knechte so werken sah. - «Sie tun, was ich sie hiess», sprach die Frau. - « Das Korn ist aber noch gar nicht reif, Frau! Wo hast du deine Augen?» rief da der Mann voll Zorn, «du bist wohl ganz von Sinnen dass du so etwas befiehlst!» Kaum war das Wort gesprochen, da wandte die Frau sich ab und war verschwunden, niemand wusste wohin. Und am gleichen Abend kam ein gewaltiges Gewitter und zerschlug alle Feldfrüchte im ganzen Land.
Alle Morgen aber, früh bei Tage, kam die Frau, die wieder eine Fee geworden war, ins Schloss und ging in das Zimmer, wo ihre sieben Kinder schliefen, und wusch und kämmte sie weinend mit einem goldenen Kamm. «O ihr lieben Kinderlein», sprach sie allemal, «sagt nur ja dem Vater nicht, dass ich jeden Morgen zu euch komme in die Kammer und euch mit dem goldenen Kamme kämme, sonst geschieht uns allen noch mehr des Leides.» Und die Kinder versprachen ihr immer alle miteinander : «Nein, nein, liebes Mütterlein, wir werden es dem Vater nicht sagen.» Der Vater aber verwunderte sich alle Morgen über die Massen, wenn er seine sieben Kinder so schön gekämmt sah, und immer fragte er sie : «Wer strählt euch denn so schön, ihr lieben Kinderlein?» - «Die Magd, lieber Vater, die Magd!» antworteten allemal die Kinder. Das deuchte den Vater zuletzt denn doch seltsam, und eines Abends tat er, als ob er in seine Kammer schlafen gehe. Aber als die Kinder eingeschlafen waren, verbarg er sich in ihrem Zimmer. Und wie immer kam früh bei Tage die Mutter in die Kammer gegangen und kämmte weinend mit dem goldenen Kamme die Kinder.
Da konnte der Vater nicht länger an sich halten; das Herz im Leibe wollte ihm gar schier zerspringen. «O du liebe Frau», rief er, « bleib da, ich bitte dich, bleib da, geh nicht mehr weg von uns!» Aber wie inniglich er auch bat und betete, es half nichts. Geschwind wie der Blitz entschwand die Fee und kam nie mehr wieder. Weder der Vater noch die Kinder haben sie jemals wieder gesehen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch