Die Schlangenkönigin
Vor vielen hundert Jahren hütete einst ein Mädchen die Kühe. Während das Vieh friedlich graste, schaute die junge Hirtin so wie im Halbtraum auf der Weide herum, und wusste selber nicht recht, was sie suchte oder dachte. Aber auf einmal gewahrte sie auf einer Felsplatte eine schöne, schwarze, silberglitzernde Schlange in der Sonne liegen mit einem goldenen Krönlein auf dem Kopf, darin die Edelsteine wie der Regenbogen funkelten. Die war am Verschmachten und rührte sich kaum, als das Kind hinzutrat. Mitleidigen Herzens reichte es ihr seinen Milchkrug dar. Die kranke Schlange lappte begierig von der Milch und erholte sich alsbald, so dass sie davonkriechen konnte.
Unlang trat ein junger, armer Hirte, dem das Mädchen im Stillen zugetan war, vor ihren Vater und bat ihn, dass er ihm seine Tochter zur Frau gebe. Der alte Bauer aber war ein hablicher Mann, und meinte besser zu sein als der arme Hirte: «Wenn du erst einmal so viel Vieh zu besorgen hast wie ich, dann kannst du wiederkommen und freien, meine Tochter ist nicht für dich und deinesgleichen!» sagte er und wies ihm die Türe. Aber von jenem Tage an kam alle Nacht ein feuriger Lindwurm, schlug Hirten und Vieh und verwüstete Wunn und Weide. Was übrig war, befiel eine Seuche, Stück um Stück stand um, und bald hatte der Bauer seine ganze Habe verloren. Da kam der Hirt wieder und sprach: «Jetzt haben wir beide gleich viel, gib mir jetzt deine Tochter zur Frau, wie du versprochen hast.» Der Alte war gottfroh, dass überhaupt noch wer das Mädchen begehrte, und er sagte lieber heute ja als morgen. Am Hochzeitstage, als die Braut den Bräutigam erwartend sich eben zum Kirchgang schmückte, kam aufs Mal eine gewaltige Schlange in ihr Gemach, darauf eine wunderschöne Jungfrau sass, weisser als Schnee und mit Wangen wie Rosen. Die sprach: «Fürchte dich nicht, ich bin die Schlangenkönigin. Ich komme, dir zu danken, dass du mich in der Not mit Milch gelabt hast», und sie nahm die goldene Krone mit den Strahlsteinen von ihrem Haupt und legte sie dem Mädchen in den Schoss. Dann entschwanden Schlange und Jungfrau, woher sie gekommen. Die Braut aber hob die Krone auf und hatte lauter Glück und Segen davon ihr Leben lang. Das Kleinod hinterblieb den wohlgeratenen Kindern und erbte sich als schönster Schatz des Hauses fort, solange das Geschlecht bestand.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch