Das schneeweisse Steinchen
Erzählt in Zürcher Dialekt von der Erzählerin Dorothe Benham. Zu hören im Freilichtmuseum Ballenberg im Weinbauernhaus aus Richterswil.
Es war einmal ein Hirtenjunge, der hütete jeden Tag die Geissen und Schafe auf der Alp. Dabei sang und jodelte er, dass man es bis ins Tal hinab hören konnte. An einem heissen Tag, als er wieder beim Hüten war, bekam er grossen Durst und er suchte lange herum, bis er endlich unter einer hohen Tanne ein klares Weiherlein fand. Er kniete sich nieder und löschte mit grossen Schlucken seinen Durst. Doch als er so in das Wasser schaute, sah er auf dem Wasserspiegel, dass oben auf der Tanne ein Vogelnest war. Der Junge konnte gut klettern und so ging er wie ein Eichhörnchen baumauf und suchte und griff nach dem Ast, den er im Wasser gesehen hatte. Aber das Nest konnte er nicht finden, und so stieg er wieder vom Baum herunter.
Als er unten war, schaute er noch einmal in das Wasser, und siehe da! Wieder sah er das Nest ganz deutlich. Schnell kletterte er wieder auf den Baum, aber auch diesmal konnte er das Nest nicht entdecken. So ging das noch zweimal und endlich fiel ihm ein, er könnte im Wasser alle Äste zählen, bis zum Nest hinauf. Gedacht, getan, und nun kletterte er genauso viele Äste hoch, wie er gezählt hatte, und als er oben war, griff er in das Nest hinein und hielt ein schneeweisses Steinchen in der Hand. Das Steinchen gefiel ihm und er steckte es in die Hosentasche und stieg von der Tanne herunter.
Am Abend trieb er seine Geissen und Schafe heim und sang und jodelte dabei, dass es eine Freude war. Doch als er ins Dorf kam, standen die Leute mit offenenen Mündern da, sie hörten ihren Geissbuben zwar singen, aber niemand konnte ihn sehen. Und als er vor das Haus seiner Eltern kam, sprang der Vater heraus und rief: «Ums Himmels willen, was hast du gemacht? Komm schnell herein in die Stube.»
Der Hirtenjunge aber wusste nicht, dass er unsichtbar war, bis es ihm der Vater sagte.
«Bist du vielleicht an einem verzauberten Ort gewesen?», fragte der Vater.
«Nein», sagte der Bub und erzählte von dem Vogelnest.
«Gib schnell das Steinchen heraus!», riefen Vater und Mutter.
Da gab er es dem Vater in die Hand, aber was geschah?
«Aber, Vatti, wo bist du?», riefen die Mutter und der Bub. Denn jetzt war der Junge wieder sichtbar, aber der Vater war nicht mehr zu sehen.
Der Vater aber erschreckte sich so sehr, dass er das Steinlein schnell auf den Tisch warf. Aber was geschah?
Der Tisch verschwand und war unsichtbar! Der Vater stand auf, suchte nach dem Tisch und erwischte endlich das Steinchen. Schnell wie der Wind sprang er damit aus dem Haus und warf es mitten in den Ziehbrunnen hinunter. Hui! Wie das da unten blitzte und krachte, gerade als wenn Himmel und Erde zusammenstürzen müssten.
Was gibst du mir, wenn ich das Steinchen wieder heraufhole?
Aus: O. Sutermeister, Kinder- und Hausmärchen der Schweiz, 1869, sprachlich leicht angepasst ©Mutabor
Interessant zu wissen:
Manche sagen, dass man so ein wundersames Steinchen nur im Nest von einem Zeisig findet. Sicher aber ist, dass der Glaube an Zauberkräfte noch sehr verbreitet war. Dieses Märchen stammt aus der Sammlung von Otto Sutermeister, der, dem Beispiel der berühmten Brüder Grimm folgend, Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz zusammengestellt hat.