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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die schwarze Spinne

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental
Kategorie: Sage

Es ist schon lange her, da liess ein reicher Landvogt den Bärhegenhubel entwalden und eine grosse Burg bauen. Die Bauern mussten viele Stunden Fronarbeit für den Landvogt leisten, sogar mitten in der Erntezeit. Unter ihnen war auch ein armer Lehnsbauer.
Als der Bau endlich fertig war, rief der Landvogt ihn zu sich und sagte:
«Ich will einen schattigen Weg zu meiner Burg. Bring mir grosse Bäume und pflanze sie zu beiden Seiten meines Burgwegs!»
«Aber Herr, wie soll ich die Bäume bis zur Burg hinaufbringen?»
«Das ist mir einerlei. Tust du es aber nicht, so jage ich dich und deine Familie davon.»
Der arme Mann erschrak. Er hatte zu Hause eine Frau, und sie erwarteten ihr erstes Kind.
So lud er schon bald die ersten grossen Bäume auf den Wagen und spannte sein mageres Pferd davor. Der Weg zum Bärhegenhubel war jedoch steil, und als der Bauer mit den schweren Bäumen auf dem Wagen Richtung Burg fuhr, brach das Pferd unter der Last zusammen. Verzweifelt schaute der Mann Richtung Burg, als auf einmal ein Fremder erschien und sagte: «Ich kann dir helfen und die Bäume pflanzen. Ich will dafür nichts als dein ungeborenes Kind.»
In seiner Verzweiflung willigte der arme Mann ein, und schon am nächsten Tag standen hundert mächtige Bäume am Weg zur Burg.
Stolz ritt der Landvogt von nun an unter seiner mächtigen Allee zur Burg. Doch nachts plagten ihn die schrecklichsten Alpträume.
Der arme Mann aber kehrte nach Hause zurück und sprach mit niemandem über seinen Handel, doch sein Gewissen plagte ihn Tag für Tag.
Als die Geburt näher rückte, stand der Fremde schon vor der Tür. Doch kaum war das Kind geboren, nahm die Hebamme es auf den Arm und sprach einen Segen.
Da riss der Fremde die Tür auf und schrie: «Das sollst du büssen – das Kind gehörte mir!» Er schlug die Hebamme auf die Wange und verschwand.
Nicht lange darauf erschien auf dem Gesicht der Hebamme eine schwarze Beule. Sie wuchs, wurde grösser und grösser, und die arme Frau immer schwächer. Als sie starb, kroch eine schwarze Spinne aus ihrem Körper.
Die Spinne ging von Haus zu Haus wie die Pest, und wo sie hinkam, starben die Menschen, ob arm oder reich. Auch der stolze Landvogt verlor sein Leben. Manche sagten: «Der böse Landvogt war schuld – er hat das Unglück herbeigerufen!»
Nur wenige Menschen überlebten, darunter der arme Lehnsbauer mit Frau und Kind. Als die Spinne auch zu seinem Haus kam, war er gut vorbereitet. Er bohrte ein Loch in einen der Hauspfosten, packte die Spinne, sperrte sie in das Loch und verschloss es fest mit einem Zapfen.
Da war die Gefahr endlich gebannt, die schreckliche Krankheit vorbei, und es musste niemand mehr sterben.
Doch seitdem ist viel Zeit vergangen. Von der Burg am Bärhegenhubel ist nichts mehr zu sehen; der Wald bedeckt den Hügel mit grossen Bäumen, und nur die Geschichte ist geblieben.

Fassung Djamila Jaenike, nach verschiedenen Versionen in: M. Sooder, Sagen aus Rohrbach, Huttwil 1929. © Mutabor