Mutabor Märchenstiftung:
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Der Wirtel in der Aare

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Riesen haben einst vor grauen Zeiten auf dem Geissberg an der Aare eine Burg erbaut, am selben Orte, wo nachmals die Burg Besserstein stand. Den Bau aufzutürmen, warfen sie einander die Felsen der Stampfenfluh, des Gaben- und Rothberges zu von Hand zu Hand, als wären’s Federbälle. Ihr Wanderstab waren ausgerissene Baumstämme, und Aare und Reuss durchwateten sie so gemächlich, dass nicht einmal der Saum ihrer Baströcke nass wurde. Zeigte sich aber ein Kaufmannskahn unten auf dem Strom, so hoben sie ihn mit ihren langen zottigen Armen aus dem Wasser und raubten ihn aus. War ein Schiff je einmal unbemerkt an ihnen vorbeigekommen, so griffen sie vom Burgwall herab mit ihren eisernen Fingernägeln so hart ihm nach, dass es voller Löcher auf der Stelle versank. Dann ging droben ein Schmausen und Zechen des jungen Riesenvolkes an, denn das grösste Weinfass war ihnen wie ein Becherlein. Und die Altmutter sass mit beim Gelage oben an und spann, indes die andern sich gütlich taten und laut und lustig wurden. Ihr Rockenstiel war ein mächtiger Trämel, daran kollerte als Wirtel ein gewaltiger Findlingstein. Aber an diesem Wirtel hing das Schicksal der ganzen Sippe. Darum verwahrte ihn das Weib stets selber sorgsam, ehe sie sich schlafen legte.

Eines Tages sass sie draussen auf der Mauer im Sonnenschein und spann, während der Mann neben ihr müssig im Grase lag und auf den Fluss hinablauerte. Da sah er drüben am andern Ufer das Aarweib baden, und er legte sich, sie recht zu beschauen, weit über die Fluhwand vor. Wie das die Riesin inne ward, da schleuderte sie voller Wut und Eifersucht ihren Wirtel nach dem Wasserweib hinüber. Der Stein schoss in den Strom, die Wellen spritzten bis zur Burg hinauf, das Aarweib aber war verschwunden; doch an der Stelle, wo es eben gebadet hatte, ragte stotzig der Wirtel als Klippe aus dem Fluss. Der Riese sieht der Sippe Heiligtum verloren, und voller Wut packt er sein Weib, um sie dem Wirtel nachzuwerfen. Sie hält ihn fest umklammert, im Sturze reisst sie ihn mit in die Tiefe, und beide sind miteinander versunken.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch