Mutabor Märchenstiftung:
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Von den Riesen im Rheintal

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Vor uralten Zeiten stach die Gouschla viel höher mit ihrem First in die Nebel hinauf als heute, und wo jetzt unten an haushohen Wänden bloss Gand und Gufer ist, und Wald und Wilde, Tobel, Runsen und Rüfen und Schlipf an Schlipf, da war einmal die schönste Alp, eine Alp so schön wie ein Garten! Und unten im Tal, wo heute die Dörfer Schan und Malans liegen, da lag eine mächtige Stadt. Wo jetzt das Seelein ist bei Oberschan, standen damals das Rathaus und die Kirche.

Der Alpgarten gehörte einem riesigen Geschlechte, den Fänggen, wilden Mannen, gewaltig an Gestalt und Wuchs. Auch in Galfeisen gab’s ihrer und im Bündnerland droben. Drum haben die Bündner auch heute noch einen im Wappen. Denkt nur! Beine hatten sie wie Trämel und Arme wie Schleifbäume! Und eine Kraft darin! Haare hatten sie wie dürre Föhrenbüsche und feuerrote Bärte bis auf die Knie herab. Aber so fürchterlich das Männervolk aussah, so wohlgestaltet kamen die Weiber daher: gross aber schlank, eine Haut wie aus Sammet und schneeweisser Seide, blaue Augen und rosenrote Wangen und ein Haar wie aus feinstem Leinenflachs, bis auf die Füsse herab, fast wie eine frisch gebürstete Kunkel. Um nicht drauf zu treten, banden sie es im Nacken auf mit roten Weidenruten und schlangen's nach vorne über die linke Achsel, quer über die Brust ab und um die rechte Hüfte nach hinten und wieder nach vorne um die linke zu einer einfachen Schlaufe, und die war mit einem Schlossring verstätet. Ein Gewand trugen sie keins; im Winter die Männer etwa ein Bärenfell über die Achsel und die Weiber ein Wolfsfell. Das war aber alles: keine Schuhe und keine Strümpfe, grad wie die Wilden. Sie hatten keine Häuser, stattdessen lehnten sie an die Felswand eine Zeilete entästeter Tannen und verschoppten die Spalten und Löcher dazwischen mit Reisig, Moos und Rasen. Das musste ihnen genügen bei rauher Witterung und auch für den Winter. Auf Waffen gaben sie nicht viel. Bären und Wölfe nahmen sie wie junge Katzen an den Läufen und schmetterten sie gegen den Boden oder erwürgten sie und brieten das Fleisch am offenen Feuer, damit man nicht immer nur das Gleiche zu essen habe, Milch und Mus, Küchlein und Käs und etwa einmal einen Tatsch oder Zoggel. Aber wenn es Krieg gab, und der Feind über den Rhein herüberkam, dann brauchten sie weder Spiess noch Schwert, sondern sie rupften Grotzen aus samt den Wurzeln. Die asteten sie mit den Fäusten ab, und mit diesen Besen wurde dann gewischt, sauberer hätte es nicht sein können. Darum galten sie auch etwas bei den Stadtleuten im Lande, aber sonst waren sie einander nicht eben freundlich gesonnen. Die in der Stadt vergönnten nämlich den Fänggen ihren Alpgarten bis aufs Blut. Sie hätten ihn selber gern genutzt und gebraucht, aber die Wurzelbesen waren ihnen zu rauh, man musste sich in acht nehmen und warten.

Einmal eines Jahres kam eine Seuche über die Riesen, und traurig hat sie’s erlegt: zwei Geschwister sind allein übrig geblieben von allen. Die heirateten einander und bekamen ein Kind. Da dachten die Stadtherren, jetzt könne man die Roten abhängen, mit rechten Zeugen, ohne Gewalt: denn das war Blutschande, das war Todsünde! Die nimmt man vor Gericht und urteilt selber, wie’s Recht ist.

Wie gesagt, so getan. Die Fänggen bekamen Bericht - zwei Boten kamen damit zu ihnen hinaus - sie müssten in der Stadt vor den Richter, wegen dem Kinde, das sie hätten, und wenn sie etwa nicht kämen, dann würden sie schon sehen, wie es ihnen ergehe. Zuerst lachte der Fängg nur über die Sprüche, die sie machten. Wie sie aber von Einsperren und Hängen redeten, da lüpfte es ihn. Wie ein wilder Stier brüllte er, sie kämen dann schon, wahrscheinlich ihnen früh genug. Sie wüssten selber, was Recht sei, und brauchten nichts Geschriebenes, keinen Pfaffen und keinen Advokaten. Der Gerichtstag kam, und der Fängg und sein Weib machten sich auf den Weg. Das Kind hatten sie bei sich. Unterwegs sagte der Fängg, er wolle noch einen Spazierstecken. Man könne ja nicht wissen, man könne einen solchen vielleicht noch gut gebrauchen. Und er rupfte am Wegrand ein halbschühiges, weisstanniges Grotzli aus samt den Wurzeln. Er astete es ab und knellte ihm den Dolder ab. Dann gingen sie weiter.

In der Stadt war alles auf den Beinen grad wie an einer Kilbe. Alles wollte das Fängglein sehen und seine Mutter, die den eigenen Bruder zum Mann hätte. Das war einmal etwas Neues für den Hochmut der Bürgerfrauen. Da mochten sie die Nase rümpfen und schmählen, die Achseln zucken und miteinander flüstern, die Hände verschlingen und die Augen verdrehen. Gut und wohl! Am Stadttor sagte man dem Fänggen, er müsse seinen Grotzen dalassen, sonst dürfe er nicht herein. Aber der Fängg lachte nur: er behalte seinen Spazierstecken, sonst gehe er grad wieder heim. Sie brauchten's nur sagen! Da taten sie ’s Tor auf. Er nahm sein Weib bei der Hand, in der Rechten hielt er seinen Stock, und die Fänggin hatte das Kind auf dem Arm. Man machte ihnen überall Platz bis hinein vors Rathaus.

Die Richter warteten schon im Ring, unweit nebenaussen brannte ein Scheiterhaufen aus mächtigen Spälten. Krieger in Helm, mit Spiessen und Schwertern legten Holz nach und hielten das Volk zurück, so gut sie’s vermochten. Der erste unter den Richtern hiess den Fänggen seine Latte wegtun. Aber der sagte zu ihm: «Dieser Stock ist mein, und ich bin nicht euer. Wenn eure Kriegsleute ihre Waffen ins Feuer hineinwerfen, dann gebe ich euch meinen Stock. Wenn euch das nicht genügt, so steckt ein Stümplein dazu!» Man stellte ihnen Stühle her und hiess sie sitzen. Aber der Fängg meinte nur, sie könnten schon stehen. Die Stühlchen da taugten nichts, die würden nicht halten. Und im übrigen, so dürften sie jetzt dann aber anfangen, sonst werde man nie fertig, und sie müssten dann auch wieder heim.

Der erste unter den Richtern verlas jetzt die Anklage: das sei halt Blutschande und Todsünde, drauf stehe der Feuertod, so wollte es ihr Gesetz und Gebot. Wenn er noch etwas sagen wolle zu der Sache, so stehe es ihm frei. Der Fängg hat sich nicht lange besinnen müssen und sagte ihnen: «Dass meine Schwester mein Weib ist und das Kind unser, das erkennen wir. Von unserem gewaltigen Geschlecht sind nur wir zwei übriggeblieben nach dieser Seuche, das wisset ihr alle, drum ist das keine Blutschande und keine Todsünde. Ja, wenn ich eueren Reifröcken nachgegangen wäre und meine Schwester einem Stadtfrack verschachert hätte, ja, das wäre Blutschande gewesen und Todsünde dazu, ja, dann hättet ihr recht, dann wohl. Jetzt möchten wir halt wieder Kinder bekommen, dann könnte man euch etwa wieder helfen, wenn der Feind wieder kommt. Ihr seid denn doch manchmal froh über uns gewesen. Das andere ist unsere Sache und geht euch nichts an. Ihr Herren Richter, ich will euch grad sagen, wo’s liegt: Ihr wollt erben, vor der Zeit erben! Das ist alles! Darum macht ihr so eine verfluchte Komödie!  - Aber nehmt euch in acht!» Darauf sagte der erste unter den Richtern: «Ihr habt gehört, was er gesagt hat, jetzt urteilt: sind die beiden, der Mann und das Weib schuldig dessen sie angeklagt sind?» «Sie sind schuldig!» «Und die Strafe?» «Der Tod auf dem Scheiterhaufen!» Das Volk schrie, und die Weiber jauchzten: «Ins Feuer, alle drei ins Feuer! »

Jetzt merkte der Fängg, dass es ernst galt mit dem Theater. Mit einem Satz war er drüben beim Feuer, und die Fänggin ihm auf dem Fusse nach. Sie packt noch einen Stuhl mit der Rechten, da aber kamen schon die Krieger auf sie los mit lautem: «Hujum!» - «Orü!», brüllte der Fängg zurück und wischte sie mit seinem Besen weg, wie Spreuer, dann fuhr er damit ins Feuer und schleuderte ein halbes Dutzend Spälti ins Volk, noch einen Wisch und dann einen dritten auf die Dächer und die Gluten wieder hinaus unter die Leute: «Orü, da habt ihr Feuer!» Die Reifröcke fingen an zu brennen und von den Dächern flackerten schon die Flammen.

Im Hui war der Rathausplatz leer. Jetzt geschwind ans Tor und hinaus auf den Haufen, bevor sie sich besinnen. Wer ihnen am Wege stand und nicht floh, musste dran glauben. Das Tor war zu und ein Haufen Kriegsleute hielt dabei Wache. Diese überschütteten sie mit Pfeilen und Spiessen: «Orü!» Aber der Fängg vermostete sie und die Fänggin Rücken an Rücken mit ihm, hieb sie zusammen mit dem Stühlchen. Mit einem Ruck putschte er das Tor aus samt dem Bogen. Nur hinaus! Zu Ross setzten sie ihnen nach, aber keiner kam ihnen zu nah.

Im Steinbruch oben hielten sie ein Weilchen Rast. Der Fängg rupfte da seinem Weibe noch eine eschene Latte aus und rüstete sie, damit sie auch etwas hätte, um sich damit zu wehren. Denn die Frau hatte nur noch die Stuhllehne mit einem Stück des Sitzbrettes daran. Jetzt lauste sie dem Manne Pfeile und Speerspitzen aus Bart und Haar. Als sie sich ein bisschen verschnauft hatten, gingen sie weiter nach der Schaneralp hinauf. Jetzt ging ihnen niemand mehr nach, sie konnten sich gute Weile lassen. Bei den Schermen oben melkte man ihnen, mitten am Nachmittag. Sie befahlen es halt und drohten. Derweilen wuschen sie sich die Schürfe und Kritze aus, die sie bekommen hatten. Dann gab das Weib dem Fängglein die Brust und packte dabei eine Brente voll Milch. Den Daumen am Rande und am Boden die andern Finger, und stützte sie, wie wir ein Beckeli oder einen Teller. Der Fängg liess eine andere auf gleiche Weise verschwinden und sagte zum Sennen, er solle, was es koste, bei den Stadtleuten einziehen. Er habe dort noch zu gut, sie hätten heute auch nicht alles bezahlt. Dann gingen sie über den Grat hinauf auf die Gouschla.

Jetzt brach ein furchtbares Unwetter herab. Alle Winde halfen einander. Es nachtete - am heiterhellen Nachmittag! Blauschwarz kamen die Nebel daher, dann weiss wie Schnee und gelb wie Berglehm. Der Blitz zündete: alles war ein Feuer, und der Donner krachte, den ganzen Berg hat’s erschüttert. Alles wankte und schwankte. Da fiel ein Brocken heraus, gross wie ein Berg, dort wieder einer und dort grad wieder einer. Die rollten Totz über Totz mit Donnergepolter ins Land hinab. Bald hagelte es, bald goss es wie mit Gelten. Auf allen Seiten stürzten wilde Bäche bergab, die schäumten und rauschten wie Wellen im Meersturm. Sie verschütteten alles, rissen Rüfen, gruben da Gräben und deckten dort welche wieder zu, wie’s eben kam.

Endlich hatte das Unwetter ausgetobt. Der Wind stillte, da und dort noch ein Blitz und ein Krach, dann war alles vorüber, und die Sonne ist grade untergegangen. Aufs Mal stand vor den Fänggen ein riesiger, lediger Schimmel ohne Sattel und Zaum, mit einer Mähne wie vom Haar der Fänggin und einem Schwanz wie eine Flamme. Der Fängg setzte ihm sein Weib und das Kind hinten aufs Kreuz, sass selber auf und ritt in die Nacht. - Niemand kann sagen wohin.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch