Mutabor Märchenstiftung:
Fachwissen, Kompetenz, Vielfalt

 

 

Von den Wildmannli

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Vor alters war im Rheintal neben den Riesen - ja noch viel später -, noch ein anderes, ein kurioses, ganz ein eigenes Völklein daheim, in seiner Art gerade das Gegenteil von ihnen: die Zwerge, nichtig und klein wie zehn- bis zwölfjährige Kinder, aber mit Sehnen wie Draht. Die Männlein waren über und über haarig wie Bären, und an Händen und Füssen hatten sie eine Haut, hart und rauh wie Eichenrinde. Statt Gürtel trugen sie Kränze von Eichenlaub um den Leib. Die Weiblein aber hatten Gesichtlein wie Engel, waren fein gesponnen, weisshäutig und zart, mit falbem Haar bis auf die Füsse herab, so dass sie sich darin verstecken konnten. Drum brauchten sie auch keine Kleider für den Winter, keine Strümpfe und keine Schuhe. Wenn aber etwa der Jänner gar zu räss pfiff und pfitzte, dann rieben sie sich mit einem Sälblein ein aus dem Knochenmark der Munggen, mit Fuchsengalle und Elsternaugen, mit Krottenseich und Kupferotterngift darin. Damit salbten sie sich ein von zuoberst bis zuunterst, und dann schliefen sie im Schnee wie in einem Flaumbett. So warm hat die Salbe gegeben. - Und Stimmlein hatten diese Leutlein wie silberne Glöcklein. Allemal, wenn sie sangen, verstummten Amseln und Finken, Lerchen und Disteln, und die Rehe, die Eichhörnchen, die Munggen und die Hasen vergassen das Fressen, stellten die Ohren und machten ’s Männlein, dass ihnen ja nichts entgehe, kein Tönlein.

Und zusammengehalten haben sie wie die Immen. Wenn einer einem Wildmannli etwas Gutes erwies, oder etwas zu Leide tat, dann ging das allemal das ganze Völklein an, nicht nur grad den, der’s erlebt hatte. Geredet haben sie eigentlich deutsch, aber Brocken hat’s darin gehabt zum Lachen! «Asam» sagten sie dem Himmel und «Mano» dem Mond, und der Strich, wo die Welt am Himmel angeht, ist der «Chamm» gewesen. Hausen taten sie im Walde unter Wettertannen, in Klimsen und Schüpfen, in Höhlen, in Felsschründen und Töpplern. Ihre Kinder säugten sie mit Gemsen ab, drum wurde es ihnen nie trümmlig, wenn sie mit den Gemsengitzi Fangis machten in den Felswänden. Aber nicht nur den Jungen, sondern auch den Alten war dies der liebste Trank und der Gemskäse gar Festspeise. Die Eier des Schneehuhns mochten sie auch gern. Aber sonst war ihre Küche gar schmal: aus Mehlbeerenteig buken sie Brot, eine Art Fladen, gewettsteint. Dann gab’s noch Wurzeln und allerhand saftige Kräutlein, Beeren und Nüsse, Buchnüsse und Eicheln. Statt Pfeffer und Salz taten sie Wermuth und Kümmel daran. Vieh hatten sie keines, nicht einmal Schafe oder Geissen, und gepflanzt haben sie gar nichts, keinen Weizen, keine Gerste, nicht einmal Hirse oder Heidekorn. Sie nahmen nur, was der Wald und der Boden grade geben mochten, ungekocht und unverwerkt.

Mit den Bauern kamen sie gut überein. Ihnen halfen sie überall. Auf der Weide: sie wussten eben, wo das Zippergras wächst und wo das Galtkraut - auf dem Felde: wenn ein Unwetter drohte ins Heu oder ein Hagel ins Korn. Für gesunde und für kranke Tage in Haus und Stall wussten sie tausend gute Räte. Wer darnach tat, hatte nichts zu fürchten. Für ihre Guttaten heischten sie nichts, keinen Lohn. Aber man gab ihnen eben, was man hatte zu essen und zu trinken; man hatte sie auch über Nacht. Sobald sie aber fertig waren mit der Arbeit, hielt sie niemand mehr, dann gingen sie auf und davon.

Aber die Stadtfräcke, die mochten sie nicht leiden. Sie stänken alle zusammen wie die Pest. Und vor den grauen Steinhäufen, worin sie hausten, grauste ihnen. Strassen, Wegen, Brücken und Stegen wichen sie aus, wie sie nur konnten.

Alle Wurzeln und Kräutlein, gute wie böse, mit ihren geheimen und unheimlichen Kräften kannten sie und tränkten und pflegten sie. Das Gold in den Schlüften und Klüften der Berge hielten sie treulich zusammen und verwahrten es, aber auch das Eisen und die Wasserquellen in den Felsen und die Gesundbrunnen in den Brüchen droben.

Vom christlichen Glauben aber wollten sie nichts wissen. Das sei alles neumodisches Geschwätz. Sie blieben beim Alten, sie seien gut damit gefahren. Was die Christen predigten sei alles schön und recht, wenn sie sich nur darnach verhalten wollten, dann könnte man’s wohl haben. In der kürzesten Nacht hatten sie Kilbe oben auf dem Heideboden und brannten ein mächtiges Feuer. Es hielt vor bis am Morgen. Da sangen und tanzten sie. Das war ihr Fest.

Und Künste konnten sie und übten sie aus. Man musste nur staunen. Heute würde man sagen, es wäre gehext. Aus Ahornholz machten sie Beckeli, Schüsseln und Löffel, Ankenkübel und Brenten. Die hatten keine Fuge. Man konnte sie gar nicht zerschlagen, auch wenn man hätte wollen. Sie sotten das Holz halt in einem ganz besonderen Gebräu: Gemsenschotte, halbjährige Eichenrinde, Spitzbärendornrinde und Allermannsharnisch darin, in einem grossen kupfernen Kessel oben auf dem - Heustock! Ja, ja! auf dem Heustock! Mit Alpenerlenholz feuerten sie, aber nicht ein Hälmlein wäre ihnen angegangen.

Ja, die Wildmannli, die haben noch etwas gekonnt und gewusst! Manches, manches wäre heute noch komod. Aber eben, man hat sie halt vertrieben, mit lauter Wegen und Strassen, und dann sind die letzten dem Bündnerland zu. Dort gibt’s noch Töppler und Berge, wo es keine Wege gibt. Jetzt sind die Wildmannli halt fort.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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