Mutabor Märchenstiftung:
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Graf Goldhaar

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Zaubermärchen

Es war einmal ein Graf. Der hatte einen jungen Sohn. Eines Tages gingen sie miteinander auf die Jagd in einem grossen Walde. Nach einer Weile kamen sie an eine alte Wettertanne. Da sprach der Vater: «Jetzt geh du rechts, mein Sohn, und ich geh’ links, und hier an diesem Orte wollen wir uns wieder treffen, ehe es Nacht wird!» Gesagt, getan. Der Sohn ging rechts, der Vater links. Und unlang, so scheuchte der Jüngling einen weissen Hirsch auf, und er jagte ihm nach, tief und tiefer in den Wald hinein; aber je heftiger er ihm nachsetzte, um so weiter blieb er zurück, und bald war das Tier seinen Augen entschwunden, und als er zuletzt gar die Fährte verlor, da gab er’s auf.

Aber wie er sich umsah, da merkte er, dass er sich in der Wildnis verirrt hatte und den Heimweg nicht mehr finden konnte; denn die Sonne war längstens zu Gold gegangen, und im Waldesgrunde wurde es schon dunkel. Er nahm sein Horn und blies hinein, aber niemand blies wieder. Da ward es dem jungen Grafen ganz unheimlich zu Mute, und er kletterte auf einen Baum und verbrachte so die Nacht in grosser Angst. Und als der Morgen endlich anbrach, da wanderte er aufs Geratewohl weiter, immer in derselben Richtung, den ganzen langen Tag bis zum Abend. Und wieder nächtigte er auf einem Baume. Und so tat er auch den nächsten Tag, aber der Wald nahm noch immer kein Ende. Am dritten Tage aber, da begegnete ihm ein vornehmer Herr. Der war grasgrün gekleidet und trug ein spitzes Hütlein, drauf eine rote Hahnenfeder stak. «Ei», sprach dieser gar freundlich, «mein junger Herr, Ihr wisst wohl den Weg nicht mehr nach Hause. Nun, ich helf Euch gerne heim, wenn Ihr ein Jahr mir treu und redlich dienen wollt. Wahrlich, es soll Euch nicht gereuen!» Der Fremde deuchte den Jüngling nun eben nicht geheuer, aber was wollte er anders tun, um von der Not zu kommen? Drum schlug er ein und folgte dem Grünröckler auf ein grosses Schloss. Der führte ihn gleich überall herum und zeigte ihm alle Gemächer und was darinnen war, bis sie zu einer verschlossenen Tür kamen am Ende eines langen Ganges. Da reichte ihm der Grüne einen Schlüsselbund und sprach: «Dies ist mein Haus. Das sollst du mir hüten. Andern Dienst begehr ich nicht von dir; denn ich bin meistens fort auf weiten Reisen. Doch nun merk auf! Zwei Dinge befehl ich dir bei deinem Leben: Alle Räume stehen dir offen, doch lass dich nie gelüsten, dieses Zimmer hier zu betreten. Und niemals schaue in den Brunnen drunten im Hofe, und netze dich beileibe nicht mit seinem Wasser!» Damit ging der Grüne fort.

Dem jungen Grafen gefiel’s gar wohl in dem Schlosse; denn des Leibes Notdurft fand er, wes sein Herz begehren mochte, die Hülle und Fülle. Und so viele Herrlichkeiten gab’s da zu schauen, dass der Kurzweil genug war. Vierzehn Tage lang hielt er unschwer das Gebot des Schlossherrn, am fünfzehnten aber stach ihn doch der Gwunder, was für eine Bewandtnis es wohl mit dem Brunnen haben möchte, dass dessen Wasser ihm verboten sei. «Ei», sprach er bei sich selber, «ich will’s ergründen. Den Kopf wird’s mir wohl nicht gleich kosten!» Und er ging zum Brunnen und tunkte einen Finger ins Wasser. Aber als er ihn herauszog, da war er ganz golden. Da erschrak er gar sehr. Aber vergeblich putzte er den Finger; je mehr er rieb, desto heller gleisste der Goldglanz. Da wusste er keinen andern Rat, als den Finger zu verbinden. Da aber stand, wie aus der Erde aufgetaucht, plötzlich der Grüne vor ihm und fragte gleich nach dem verbundenen Finger. He nun, er habe sich halt ein wenig geschnitten beim Späneln, erwiderte der Jüngling. «Bursche, Bursche,» sprach da der Grüne und drohte ihm mit spitzem Finger, «mir machst du nichts weis. Ich weiss recht gut, was mit deinem Finger ist. Doch ich will für diesmal noch ein Auge zutun, und deine Strafe sei, dass du bei mir noch ein zweites Jahr dienen musst. Bist du aber wieder wunderfitzig, dann wird’s dir übel ergehen!» Und damit ging der Grüne wieder fort.

Und wieder ging alles gut, wie zuvor. Vierzehn Tage hielt der Jüngling seine Neugierde im Zaume, am fünfzehnten aber stachelte in der Wunderfitz wieder allzusehr, was für ein Geheimnis wohl die verschlossene Türe berge, dass sie ihm verboten sei. «Ei», sprach er bei sich selber, «traun, ich versuch’s und schau hinein! An den Kragen wird’s mir wohl nicht gleich gehen!» Gedacht, getan. Er schloss auf und trat ein. Da schlug von selber hinter ihm die Tür ins Schloss, da sass er nun gefangen wie eine Maus in der Falle, und, oh Schrecken!-in den Ecken des Gemaches waren bündelweis lauter Menschenleiber aufgehängt, wie Drosseln an der Leine. Doch ehe er sich recht besonnen, stand, wie aus dem Boden geschossen, der Grüne wieder vor ihm und schrie ihn mit böser Stimme an: «Du Tor, jetzt ist’s aus mit dir, bald baumelst du mit jenen dort am selben Strang!» Dem jungen Grafen schlug das Herz im Halse, er fiel vor dem Grünen auf die Knie und bat ihn, ihm dies eine Mal noch zu verzeihen. Er werde ganz gewiss nie mehr ungehorsam sein. Der Grünröckler besann sich ein Weilchen, dann sprach er: «Gut, es sei! Aber hüte dich wohl. Einmal noch, und es ist um dich geschehen!» Und damit war er wieder verschwunden.

Wieder blieb der Jüngling vierzehn Tage fest, am fünfzehnten aber konnte er sich nicht länger halten. «Ei», sprach er zu sich selber, «was gilt’s, ich wag’ es noch einmal! Doch diesmal will ich klüger sein.» Und er nahm einen Holzkloben zur Hand, schloss auf und schob den Kloben zwischen Tür und Schwelle, dass sie offen bleibe. Doch kaum liess er die Türe aus der Hand, da schlug sie mit solcher Wucht zu, dass der Keil herausschnellte. Da sass er wieder in der Falle, und wie ein Mäuslein schoss er voll Entsetzen in dem grossen Saale hin und her, nach einem Ausschlupf suchend. Da, plötzlich an der anderen Wand, erblickte er einen Lichtschimmer. Es war eine schmale Öffnung. Er schloff hindurch und trat in einen Stall. Im ersten Barren sah er einen mächtigen Löwen köpfling s aufgehängt, am Schwanz einen Büschel Heu, im zweiten einen prächtigen Schimmel, am Schwanz ein Stück Fleisch. Der junge Graf empfand Mitleid mit den beiden Tieren, die so übel hingen und strich ihnen mit der Hand über die Mähnen und sprach: «Du schöner Löwe! Du schöner Schimmel!» und vertauschte die Bündel und gab dem Löwen das Fleisch und dem Rosse das Heu. Da hub der Schimmel alsbald zu reden an und sprach: «Grafensohn, sieh dich vor, dass es dir nicht wie uns ergeht, wir sind ehedem Menschen gewesen und durch den Fluch des Bösen in Tiere verwandelt worden, du bist hier im Hause des Teufels. Der dritte Barren ist für dich bestimmt, drum mach rasch! Rette dich und mich! Tu, was ich dir sage! Geh, nimm einen Kamm und tauch ihn in den Brunnen und kämm dein Haar damit. Dann komm und strähl auch mir die Mähne. Setz einen Hut mit breitem Rand aufs Haupt, der dir das Haar ganz bedeckt. Und drei Dinge noch bring mit: ein Scheit, einen Eimer und eine Bürste.» Der Grafensohn tat alles, was das Ross ihn hiess. Da wurden seine Locken lauteres Gold, und die Wassertropfen, die ihm auf die Brust niederfielen, wurden zur goldenen Zier, und auch des Schimmels Mähne wurde ganz zu Gold. Der aber reichte dem Jüngling einen Apfel, der halb rot war, und zwei ganz rote, zeigte ihm Sattel und Zaumzeug und sprach: «Jetzt iss und gib, was übrig bleibt, mir, dann gürte mich gut, sitz auf und reit zu, was du kannst; denn der Grüne wird uns bald auf den Fersen sein.»

Der Jüngling tat alles, was ihm der Schimmel gebot und - Staub vom Boden - sprengten sie davon. Um eine Weile sprach der Schimmel: «Was siehst du hinter dir?» «Den Grünen auf dem Leuen hinter uns wie ’s Wetter. Sie sind uns schon nah», antwortete der Jüngling. «Wirf das Scheit hinter dich», rief der Schimmel. Der Grafensohn tat’s, da ragte hinter ihnen ein gewaltiges Gebirge auf und schied sie viele Meilen von dem Grünen. Um eine Zeit fragte wieder der Schimmel: «Was siehst du hinter dir?» «Den Grünen auf dem Leuen hinter uns wie der Wind», antwortete der Jüngling, «sie sind uns schon ganz nah!» «Wirf den Eimer hinter dich!» Er tat’s, und zwischen ihnen und dem Grünen breitete sich tageweit ein Meer. Und wieder nach einer Weile fragte der Schimmel: «Was siehst du hinter dir? » «Den Grünen auf dem Leuen, wie der Sturm hinter uns», antwortete der Jüngling, «sie sind uns schon ganz nah.» «Wirf die Bürste hinter dich», rief der Schimmel. Er tat’s. Da war ein gewaltiger Wald gewachsen zwischen ihnen und dem Grünen, wochenweit. Und sie gewannen eine weite Strecke voraus. «Nun hat seine Macht ein Ende, und wir sind geborgen», sprach der Schimmel. So sprengten sie drei Tage und drei Nächte durch in einem fort dahin, und müde hing der Jüngling über die Kruppe des Rosses, und dazu hub es an, ihn grausam zu hungern, und er klagte es dem Schimmel. Der hiess ihn den halben roten Apfel essen und die Hälfte über die rechte Schulter werfen. Er tat’s, und der Schimmel fragte: «Was siehst du vor dir?» «Ein Schloss ganz von Kupfer funkelnd», antwortete jener. «Schnell hinein!» rief da der Schimmel, «aber lass dich beileibe von niemandem bedienen!» Als sie einritten, drängten sich im Schlosshof emsige Stallknechte herzu, um den Schimmel zu entzäumen. Der Grafensohn aber führte sein Ross selber in den Stall und besorgte es dort. Jetzt wollten betresste Lakaien ihn hinaufgeleiten in die Gemächer und bedienen, wie es Zucht und Sitte bei Hofe heischen. Er aber wies standhaft ihre Dienste ab.

Oben im Saal stand die Tafel gedeckt voll köstlicher Speisen. Er ass und trank nach Herzenslust und brachte dem Schimmel den Rest hinunter. Der aber sprach: «Gib acht zur Nacht, du wirst erwachen, und schöne Mädchen werden vor dir tanzen und mit dir kosen wollen, doch lasse dich beileibe nicht verleiten.» Und so war es auch. Um Mitternacht ward der Graf aus seinem besten Schlaf geweckt durch Geigenklang und Flötengetön. Wunderschöne Mädchen boten sich seinen Blicken dar und führten verlockende Reigen auf, und die Schönste wollte mit ihm kosen. Er aber blieb standhaft nach des Schimmels Gebot, da verschwanden sie wieder, und er schlief in Ruh und Frieden die ganze Nacht bis zum Morgen. Da stand ein treffliches Frühstück bereit. Er ass und brachte den Rest dem Schimmel. Der sagte: «Nun säum nicht länger! Auf und fort, und hüte dich wohl, beim Abschied ein Geschenk anzunehmen, ausser etwa der alten Halfter, die dort im Winkel hängt!» Und als die Leute des Schlosses ihm die herrlichsten Kostbarkeiten zum Geschenk anboten, da nahm er die alte Halfter und warf sie seinem Schimmel über.

Und abermals ritten sie drei Tage und drei Nächte durch, und wieder ward der junge Graf todmüde und spürte grimmigen Hunger. «Fort, nur immer fort», rief der Schimmel, «nimm den ganz roten Apfel, iss ihn halb und wirf die Hälfte über die rechte Schulter zurück!» Er tat’s. «Was siehst du voraus?» fragte der Schimmel wieder. «Ein Schloss strahlend von Silber», antwortete jener. «Schnell hinein», sprach der Schimmel, «aber lass dich beileibe nicht bedienen und zur Nacht von den Jungfrauen nicht betören, auch wenn sie dich mit ihren Nadeln und Spangen stechen, und als Geschenk nimm dir den alten Sattel, der in einer Ecke des Stalles hängt!» Und alles begab sich ebenso, wie der Schimmel vorausgesagt, und am andern Morgen fuhren sie abermals windschnell davon. «Willst du wissen, wo wir gestern und ehegestern über Nacht gewesen?» sprach aufs Mal der Schimmel. «Auf dem Meere, und fahren noch drei Tage und Nächte, dann sind wir erst an Land.» Und also geschah’s.

Und wieder wurde der Jüngling müde und hungrig, und diesmal gebot ihm der Schimmel, den letzten ganz roten Apfel halb zu esssen und die andere Hälfte über die rechte Schulter hinter sich zu werfen. «Was siehst du voraus? » fragt' er wieder. «Ein Schloss von Golde

leuchtend», antwortete der Grafensohn. Doch vor dem Schloss stand eine grosse alte Linde. Die war hohl. Hier stand der Schimmel still und sprach: «Verbirg mich einstweilen hier und geh ins Schloss und such dir einen Dienst. Alles andere lass meine Sorge sein.»

Der junge Graf tat also, er ging zum Schloss, sein goldenes Haar tief unter dem grossen Hut verborgen. Er traf den König an im Garten grüsste höflich und fragte nach Arbeit. «Ja, was kannst du denn für ein Handwerk?» fragte der König. «Eh, was es sein soll, sagt mir nur, was zu tun ist», erwiderte der Jüngling. «Gut, so geh zum Gärtner. Der wird dich wohl brauchen können!» sagte der König. Der Gärtner hiess den Burschen, damit er seine Arbeit prüfe, drei Blumenbeete, wie Matten so gross, ausjäten und neu bepflanzen. Als er seinem Schimmel, wie gewohnt, die Hälfte seines Essens brachte, da sprach dieser: «Tu in jedes Beet drei Streiche und wünsche dabei, es möge gejätet, es möge gepflanzt sein, so dreimal in dreien Tagen!» Und wie gesagt, so geschah es. Im Handkehrum waren die Beete gejätet und schon standen sie im Floor wie nie zuvor. Der Meister wunderte sich gar sehr, denn er hatte den Burschen kaum bei der Arbeit gesehen. Und erst der König! Der staunte, als er die Pracht erblickte. Er fragte nach, wer denn des Werkes Meister sei, und da lobte er den Burschen über die Massen. Das aber verdross den Gärtner gar sehr, dass der hergelaufene Fremdling sich so hervorgetan und in Gunst gekommen, und er sann auf eine List, den unbequemen Nebenbuhler aus dem Wege zu schaffen.

Der neue Gärtnerbursche hatte nun ein angenehmes Leben. Er begoss und pflegte die Blumen und Stauden, aber seine Hauptarbeit war, dass er allemal für die drei Töchter des Königs frische Blumensträusse binden musste. Einmal kamen sie selbst in den Garten, und da gefiel ihm die jüngste am besten. Und fortan band er auch ihr immer einen besonders schönen Strauss, so dass sie es merkte und mit Wohlgefallen auf den hübschen Gärtnerburschen sah. Nur hätte sie gar zu gern gewusst, warum er sein Haar so sorgfältig unter seinem grossen Hut verborgen halte. Als sie ihn einmal fragte, da sagte nur, er habe den Grind und verdecke seinen Schorf, weil er sich vor den Leuten schäme.

Eines heissen Tages kam den Burschen die Lust an, sich im kühlen Teich des Gartens zu baden. Er legte seine Kleider ab und nahm auch den grossen Hut vom Haupte. Zu eben der Stunde aber sass die jüngste Königstochter in ihrer Kammer und stickte mit goldenen Fäden Zierate in ein Seidentüchlein. Plötzlich fiel durchs Fenster ein so heller Sonnenblick auf ihre Arbeit, dass es sie blendete. Sie stand auf, um nachzuschauen, von wannen der Lichtschein käme, und wie sie hinausblickte, da sah sie gerade noch, wie der Gärtnerbursche sein schimmerndes Goldhaar unter dem Hute verbarg. Das deuchte die Prinzessin denn doch wunderlich, so dass sie den Burschen in ihr Gemach befahl. Sie lobte seine Blumen und schenkte ihm einen Becher süssen Weines ein. Sie plauderte mit ihrem feinen Stimmlein noch allerlei mit ihm, aber dem Grafensohn, des Trinkens ungewohnt, wurde es sturm im Kopf, und er entschlummerte. Jetzt nahm sie ihm sachte den Hut ab und sah das strahlende Goldgelock um sein Haupt. Sie knüpfte seinen Kittel auf und erblickte die goldene Zier auf seiner Brust. Jetzt wusste sie genug; sie weckte den Burschen auf und schickte ihn wieder hinunter, aber der schöne Jüngling hatte ihr das Herz so bewegt, dass sie Tag und Nacht nur an ihn denken musste.

Allemal um Neujahr war es Sitte an diesem Hofe, dass der Gärtner jeder der Prinzessinnen einen besonders prächtigen Winterblumenbusch überreichte, und diesmal sollten es nun ganz besonders schöne sein. Sprach der Gärtner zu seinem Burschen: «Du kannst mehr als Brot essen, das hab ich schon gemerkt; schaff drei Sträusse, so prächtig, wie keine sonst auf der Welt, und bring sie ins Schloss!» Der Grafensohn ging hinaus zum Schimmel, und der sagte ihm, was er dazu tun solle. Am Silvesterabend sammelte er Blumen und rief: «Der Jüngsten der schönste!» Und alsogleich wurden die Blumen zu wunderbaren Büscheli, dergleichen man noch nie gesehen. Der schönste aber war der Strauss der jüngsten Königstochter. Erst trug der Bursche den einen Blumenbusch zur ältesten, tat aber, als er ihn überreichte, gar plump und talpig, so dass sie drob erboste und rief: «Jawohl, ein Tölpel bist du, pack dich hinaus und komm mir nicht mehr unter die Augen!» Dann ging er zur zweiten, der tat er schon höflicher, und sie dankte ihm huldreich und gab ihm einen Beutel mit Goldstücken. Gar liebreich aber empfing ihn die jüngste. «Oh wie schön ist dieser Maien», sprach sie, «einen solchen hab ich wäger nie gesehen.» Und sie hiess ihn sitzen und stellte ihm süssen Wein auf und knusprigen Kuchen, und als er ging, gab sie ihm obendrein noch eine gebratene Gans mit nach Hause. Die deuchte den Jüngling absonderlich schwer, als er sie ins Gärtnerhaus trug. Und wie er nun in den Keller ging, um Wein heraufzuholen zum Silvesterschmause mit den Gärtnersleuten, da schnitt der Gärtner die Gans an, und was meint ihr, womit sie gestopft war? - Mit lauter funkelneuen Goldstücken. Da wurde der Meister noch neidischer auf den Burschen, aber er liess sich’s nicht merken.

So verging wieder einige Zeit; da beschloss der König, seine Töchter zu vermählen, und er bereitete ein glänzendes Fest, an das alle Ritter und Königssöhne der Nachbarschaft zum Turnier geladen waren. Das sollte drei Tage lang dauern. Und wer den ersten Tag siegte, der werde die älteste Prinzessin zur Frau erhalten, wer am andern Tage, die nächstälteste, und wer am dritten Tage, die jüngste. Und es sagten auch gar viele Prinzen und Ritter zu.

Am Morgen des ersten Kampftages ging der Gärtnerjunge früh vor Tag zu seinem Schimmel, und der gab ihm ein Kleid, so blau wie der Himmel, und eine Rüstung aus dunklem Stahl. «Leg dies Gewand und diese Waffen an», sprach er, «und reite auf mir kühn und kecklich zum Turnier!»

Und schon standen alle Ritter hoch zu Ross kampffertig vor den Schranken, da teilte sich die Volksmenge, und heran sprengte auf einem weissen Rosse mit goldener Mähne ein blaugewandeter Jüngling mit goldenen Locken, und niemand war, der ihn je zuvor gesehen. Und so wacker kämpfte der unbekannte Held, dass er alle Gegner in den Sand warf, die sich ihm entgegenstellten. Aber kaum war der Kampf zu Ende, da war er geschwind wie der Blitz verschwunden, und niemand merkte, wohin er gekommen.

Für den folgenden Tag stellte der König Wachen aus; sie sollten den Ritter mit den goldenen Haaren nicht entkommen lassen, wenn er wiederkäme, sondern ihn zu Hofe geleiten in allen Ehren. Diesmal ritt der fremde Jüngling einher in einem Kleide weisser denn der Schnee und in einer Rüstung aus hellem Silber. Und wiederum legte er alle Gegner nieder, wie am vorigen Tage. Aber den Wachen entkam er, ehe sie sich`s versahen, und niemand konnte sagen, wohin er geritten sei. Das wurmte den König gar sehr, und er schalt die Wächter und stellte für den dritten Tag doppelte Wachen auf.

Diesmal erschien der Jüngling in einem Purpurgewande, röter denn die Hagröslein und in einer Rüstung aus rotem Golde. Heute aber erhoben sich nochmals die stärksten und tapfersten Ritter gegen ihn. Aber es half nichts, er warf alle aus dem Sattel. Und als nach dem Kampfe die Wachen ihn aufhalten wollten, da spornte er sein Ross, und in hohem Sprunge setzte er über sie hinweg und verschwand spurlos vor ihren Augen. Und wie wild der König auch vor Horn stampfe und schrie ,niemand wusste, wohin er entwichen.

Da sann der König auf eine List. Er gebot, dass am andern Tage alle Ritter und Prinzen, Mann an Mann, in festlichem Zuge unter dem Balkon des Schlosses vorbeiziehen sollten. Seinen Töchtern aber gab er jeder einen goldenen Apfel, den sollten sie dem unter den Freiern als Wahrzeichen zuwerfen, den sie als Gatten sich auserwählten. Und in langer Reihe zogen die prächtigsten Ritter vorüber, aber der Jüngling mit den goldenen Haaren war nicht darunter, und keine von den Prinzessinnen warf ihren Apfel.

Aber noch gab sich der König nicht zufrieden. Am andern Tage mussten abermals alle Bewerber vorüberziehn. Diesmal warfen die beiden ältesten Töchter ihre Äpfel zwei Königssöhnen zu, die ihnen wohl gefielen, und das waren gar stolze und stattliche Herren, würdig des Königs Schwäher zu werden. Nur die Jüngste behielt ihren Apfel, denn der Jüngling mit dem goldenen Haar war nicht im Zuge gewesen. Und als der Vater sie drum fragte, sprach sie: «Ach Vater, mir ist so schwer ums Herz, dass ich noch warten will. Auch bin ich noch gar zu jung zum Heiraten!» Dem König behagte das nun eben nicht, doch was wollte er machen, und so liess er sie gewähren.

Unlang, so sollten die beiden ältesten Prinzessinnen sich vermählen, und das Hochzeitsfest wurde mit aller Pracht gerüstet. Da ging es an ein Schlachten und Schmoren, und Kuchen wurden gebacken und Zuckerzeug - ich schleck’ das Maul mir noch davon! - Aber der Gärtner ging zum König und sagte: «Mein Bursche hat gesagt, er könne euch in dreien Tagen aus jenem Walde dort einen Garten machen mit Blumenbeeten und Ziersträuchern, Teichen und Springquellen, wie es keinen auf der Welt sonst gäbe.» Das war aber nicht so; doch der Gärtner sagte es nur aus Arglist, um den Burschen zu verderben. Da hiess der König den Jüngling vor sich kommen und befahl ihm, seine Rede zum Gärtner wahr zu machen. «Das habe ich weder gedacht noch gesagt», sprach jener. «Freilich hast du, und bei deinem Leben befehl ich dir’s», antwortete der König, «ich brauche den Garten für meine Gäste, in drei Tagen muss er fertig sein.» Was wollte da der Bursche anders tun? Er ging zu seinem Schimmel und bat ihn um Hilfe. «Sei nur getrost», sprach dieser, «in dreien Tagen wird der Wald zum Garten geworden sein, wie es der König wünscht.» Und so verging denn der erste Tag, ohne dass der Bursche eine Hand rührte, und auch der zweite. Des verwunderte sich der König über die Massen, und er sprach: «Nun, weisst du nicht, dass morgen Abend um diese Zeit der Garten fertig sein muss? Du hast wahrlich keine Zeit mehr zu verlieren!» «Geduldet Euch, Herr, der Garten wird auf die Stunde fertig sein!» Und er tat auch am dritten Tag keinen Streich. Aber am Abend, siehe da stand der Garten auf einen Schlag fertig da, und wahrlich, ein schönerer war nicht auf der Welt. Und so wurde mit Pracht und Pomp das Hochzeitsfest gefeiert.

Die jüngste Tochter aber trauerte gar sehr, dass der schöne Jüngling mit den goldenen Haaren nur ein Gärtnerbursche sei. «Mein Vater wird es nie erlauben, dass ich ihn heirate», dachte sie; und da wurde sie krank vor lauter Herzeleid. Und sie musste zu Bette und wurde mit jedem Tag blässer und schwächer. Grad wie ein welkes Blümlein liess sie ihr Köpflein hängen. Der König rief die kundigsten Ärzte an ihr Lager. Die verordneten ihr vielerlei bittere und süsse Tränke und Tropfen. Aber das half alles nichts. Da zogen sie die Stirnen kraus, steckten die Nasen zusammen und schüttelten die Köpfe, dass die Brillen wackelten, und sagten: «Eurer Tochter ist nicht zu helfen. Sie leidet an einer unheilbaren Krankheit, gegen die kein Kräutlein gewachsen und kein Tränklein zu brauen ist!» und trollten sich einer wie der andere.

Der König war trostlos und wusste sich nicht zu fassen. Aber die Königin, die war eine kluge Frau, viel klüger als der König und alle Dökter miteinander. «Ich weiss ganz gut», sprach sie, «in welchem Spittel unser Kind krank ist. Ich kenne auch das rechte Heilmittel. Lass mich nur machen.» Sie hatte, am Bette der Königstochter sitzend, gehört, wie sie im Fieber immer wieder von dem Gärtnerjungen gesprochen hatte. Da der König das vernahm, da tobte und stampfte er vor Zorn, dass die Balken bebten. «Was, dieser fremde Kommling erfrecht sich, nach der Krone zu spähen! Fort mit ihm auf dem Fleck!» Und er gebot dem Gärtner, den Burschen noch am selben Tag aus dem Dienst zu jagen. Und der tat’s lieber heut als morgen.

Ganz betrübt ging der Grafensohn zu seinem Schimmel hinaus und erzählte ihm, was sich begeben. «Gemach, gemach», sprach dieser, «bleib nur guten Mutes und harr der Dinge, die da kommen!» Und so geschah es auch. Unlang kam Krieg ins Land, und der König schickte seine Schwiegersöhne mit einem stolzen Heer in den Kampf. Aber der Feind war stärker, und sie wurden in der Schlacht geschlagen und räumten schmählich das Feld. Und ein zweites Mal ging es ebenso. Und nun bedrängte der Feind die Hauptstadt. Da sammelte der König seine letzten Getreuen um sich und zog selber ins Feld. «Jetzt ist deine Stunde gekommen», sprach da der Schimmel zu dem jungen Grafen. «Leg deine Gärtnerkleidung ab und wappne dich mit der goldenen Rüstung. Dann spreng auf mir in den Kampf!»

Schon hatten die Feinde den König und sein Häuflein umzingelt und schrien Sieg, da, in der höchsten Not, erschien, wie vom Himmel gesandt, ein fremder Ritter in goldener Rüstung; golden wehten ihm die Locken unterm Helm hervor, und seinem Schimmel leuchtete die Goldmähne in der Sonne. Und so gewaltig stritt er mit seinem guten Schwert, dass die Feinde abliessen und sich zur Flucht wandten. Da aber traf den Ritter ein Spiess in den Fuss, und rot rann das Blut hervor. Der König erschrak und wollte seinem Retter beistehn, der aber spornte sein Ross und sprengte davon, so geschwind, wie er gekommen.

Als der König von der Schlacht nach Hause kam, fand er die jüngste Tochter auf den Tod krank. Da meinte die Königin, dem Herzen lasse sich nicht gebieten, sowenig als Wind und Wetter, und solange die Welt stehe, hab' es noch immer geheissen: Mir lieb, mir hübsch. Da ward der König weich und liess von seinem Stolz und gebot seinen Dienern, den verbannten Gärtnerburschen zu suchen. Die fanden den Jüngling bald bei der Linde sitzen, wie er sich eben den verletzten Fuss verband. Sie führten ihn gleich ins Schloss, und wie er in die Kammer trat, wo die jüngste Prinzessin lag, da, kaum wurde sie sein gewahr, ward ihr Auge hell und ihre Wangen erblühten wie rote Hagröslein. Sie sprang auf und fiel ihm um den Hals und küsste ihn mitten auf den Mund. Da fiel ihm der Hut herunter. Wie hat da der König gestaunt, als er die goldenen Haare sah! Es ist nicht zu sagen. Morgen schon sollte die Hochzeit sein.

Doch früh bei Tag am Hochzeitsmorgen ging der Grafensohn in den Stall hinunter zu seinem treuen Schimmel und erzählte ihm, dass er heute mit der jüngsten Königstochter Hochzeit halte. «Ja, dir ist wohl geholfen, aber mir nicht», antwortete der Schimmel. «Aber ich denke, ich bin auch eines Dienstes wert. Hast du mich lieb, so nimm jetzt dein Schwert und hau mir den Kopf ab!» «Nie und nimmer», erwiderte der Jüngling, «Schmach und Schande über mich, wenn ich es täte! Du hast mir nur Gutes getan, und ich sollte es mit Bösem vergelten?»

Aber der Schimmel sprach wieder: «Tu, was ich dir sage. Es ist mein Heil, wenn du es tust! Weigerst du dich, bin ich auf ewig verloren.» Da zog der Jüngling sein Schwert, schloss die Augen und tat den Hieb. Und wie er die Augen wieder auftat, was meint ihr, sah er da? Ein junger Prinz stand vor ihm, und er hatte gleich goldene Haare wie er. Und so ähnlich sahen sie einander, dass man den Grafensohn nur an seinem Goldfinger vor jenem erkennen konnte. Der Prinz sprach: «Jetzt, da auch ich erlöst bin, ist erst der Zauber des Grünen gebrochen!» Dann gingen sie selbander ins Schloss zurück, und nun feierten der Grafensohn und die jüngste Prinzessin in tausend Freuden Hochzeit.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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