Der Drächengrudel
Unten im Talboden in einem altersschwarzen Häuslein mit niederen Stubeli, vor deren blanken Fensterscheiben rote Blumenstöcke standen, wohnten ein Mann und eine Frau, habliche Leute, denen es an nichts gebrach. Die hatten eine einzige Tochter, die ihre ganze Freude war, ein Kind wie lauter Milch und Blut, und Augen hatte es so blau wie der Himmel. Aber wie die Jahre gingen, und das Mädchen alsgemach begann zur Jungfrau heranzuwachsen, da ward die Mutter krank, und sie fühlte, dass sie sterben müsse. Da sprach sie zu ihrem Manne, der traurig an ihrem Bette sass: «Durch Gottes Willen werde ich jetzt sterben und mit seiner Gnade in den Himmel eingehen. Und du und das Kind, ihr bleibt allein auf Erden zurück. Versprich mir, dass du keine zweite Frau heiraten wirst, es müsste denn eine sein, die ebenso schönes Lychhaar hat wie ich.» Der Mann versprach es der Sterbenden in die Hand; als sie tot war, trauerte er manches Jahr um sie.
Mit der Zeit aber kam den Mann doch die Lust an, wieder eine Frau zu nehmen, denn das Leben so allein mit der Tochter in dem stillen Häuslein war ihm nachgerade verleidet, und er hielt seines Versprechens eingedenk ringsum im Lande Ausschau nach einer Braut. Aber nirgends konnte er unter all den Frauen und Jungfrauen eine finden, die so helle goldene Haare gehabt hätte wie seine verstorbene Frau. Eines Tages aber sah er seine Tochter an, die eben in die Stube trat - und da fiel’s ihm wie Schuppen von den Augen: Sie allein hatte solches Haar und sah, wie ein Tautropfen dem andern, der Mutter gleich, wie sie gewesen war, als er vor zwanzig Jahren sie gefreit. Da warf er seine ganze Liebe auf sein eigen Kind und beschloss, die Tochter und keine andere zu seiner zweiten Frau zu machen. Doch als er dem Mädchen seinen Willen kundtat, da lachte es ihn nur aus und schlug seine Worte in den Wind. Der Vater aber beharrte nur um so mehr auf seinem Vorsatz und setzte ihr unablässig zu, indem er ihr schier täglich mit seiner Werbung in den Ohren lag. Und je mehr sie ihm wehrte, desto heftiger nur ward sein Begehren.
Wie das Mädchen das inneward, da wurde es totentraurig, so traurig, wie es seit dem Tage, da man die Mutter in die Erde getan, nicht mehr gewesen war, und sie schloss sich in ihr Kämmerlein ein und betete inbrünstig zu Gott, dass er ihr beistehe, des Vaters frevlen Wunsch zu wenden, oder sie sterben zu lassen wie ihre Mutter.
Wundersam gestärkt und getröstet trat sie nach einigen Tagen wieder vor des Vaters Angesicht. Der aber bestürmte sie nur ärger noch als je zuvor. Da sprach die Jungfrau: «Nun wohl, ich sehe, dass ich deinen Sinn nicht wenden kann, so will ich deine Gattin werden, aber nur, wenn du drei Dinge mir verschaffst: Ein Kleid, das strahlt wie die Sonne am Mittag, eines, das glänzt wie der Mond, wenn er voll ist, und eines, das schimmert wie die Sterne am Himmelszelt!» Denn sie meinte, solche Kleider werde ihr der Vater nie und nimmer verschaffen können. Hoch erfreut erbot der Vater sich, ihr die gewünschten Kleider heimzubringen, was immer es ihn kosten möge, und noch am selben Tage reiste er aus und gönnte sich weder Rast noch Ruh, bis er in einem fernen, fernen Land die drei Kleider gefunden.
Als er sie nun in einem kostbaren Schrein nach Hause brachte und vor seiner Tochter ausbreitete, da strahlte das eine wie die Mittagssonne, das zweite glänzte wie Vollmondlicht, und das dritte funkelte wie die Sterne über den Bergen in einer frostklaren Winternacht. Das Mädchen vermochte schier die Augen nicht von all der Pracht zu wenden, aber alles Blut wich ihr aus dem Antlitz, als der Vater sagte: «Nun, wo dein Wunsch erfüllt ist, wirst du wohl meine Frau werden!» «Nein, noch nicht», erwiderte sie, « schaff mir zuerst noch einen Wagen, der zu Lande und zu Wasser von selber fährt, dann will ich deine Frau werden!» Denn, dachte sie bei sich selber, einen solchen Wagen gibt es auf der ganzen Welt keinen.
Der Vater aber reiste zur selben Stunde noch aus, um nach einem solchen Wagen zu suchen, möge es kosten, was es wolle. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und brachte einen Wagen heim, der keine Pferde brauchte, sondern zu Land und zu Wasser von selber fuhr. Und nun galt kein Aufschub mehr. Und unlang, so sollte die Hochzeit gefeiert werden, und der Tag ward festgesetzt. Aber in derselben Nacht noch packte das Mädchen die seltenen Kleider in ihre Truhe und bestieg den wunderbaren Wagen und fuhr hurtig auf und davon; die ganze Nacht durch fuhr sie und den ganzen nächsten Tag, bis sie gegen Abend in das Weichbild einer grossen Stadt kam.
Vor dem Tore stand ein Bettelmädchen, ganz in Hudeln und Lumpen gehüllt, und heischte Almosen für ein Vergeltsgott von jedem, der ein- und ausging. Die Jungfrau stieg aus und bat das Mädchen, es möge sie an den Ort bringen, wo es wohne. Dort tauschte sie zum Lohn die Kleider mit ihm und gab ihm auch den Wagen in Obhut. Dann wanderte sie durch die Strassen und Gassen der Stadt, um sich eine Stelle zu suchen, und forschend betrachtete sie Haus für Haus. Unlang, so kam sie zu einem grossmächtigen, prächtigen Gebäude. Und wie sie staunend zu den endlosen Fensterreihen mit den blanken Scheiben hinaufschaute, redete sie plötzlich ein Herr an, der unter einem der Fenster stand: «Nun, schönes Kind, was suchst du hier?» «Ach, gnädiger Herr», antwortete sie, «einen Dienst, denn ich muss mich von meiner Hände Arbeit ernähren.» «Ei», sprach da wieder der Herr, «da bist du just zur rechten Zeit am rechten Ort. Du kommst wie gewünscht, denn wir brauchen eben eine schaffige Küchenmagd.»
So kam die Jungfrau in das schöne grosse Haus und trat ihren Dienst noch am selben Tage an. Sie stand in der Küche unten neben dem Drächen, wie man den Herd auch nennt, und musste Erdäpfel schälen, Rübli schaben, Gemüse rüsten, Geschirr abwaschen und Pfannen putzen und dem Koch allerlei Handreichungen tun. Und drum hiessen alle anderen Bedienten sie nur den Drächengrudel. Das grosse Haus aber, in dem sie diente, ist der Königspalast gewesen, und darin wohnten der Prinz und die Königinmutter.
Als die erste Woche um war, fragte die neue Magd den Oberkoch am Sonntagmorgen, als er eben das Frühstück rüstete, ob sie zur Messe gehen dürfe. Der schaute das russige Hudelmädchen von oben bis unten an und sagte: «Meinetwegen geh, aber sieh zu, dass dich niemand sieht, und halte dich im hintersten Winkel der Kirche, wo’s am dunkelsten ist. Sie versprach’s und eilte in ihre Kammer und nahm die schönen Kleider aus ihrem Schrein und breitete sie auf ihrem Bette aus. Sie wusch und kämmte sich, schloff aus ihren Hudeln und warf das Kleid über, das wie Sonnenschein leuchtete, und schüttelte sich, dass das Röcklein schön sich fältelte, und schnürte sich die silbernen Schuhe mit den goldenen Schnallen. Dann lief sie leise die Treppe hinab, schlüpfte unbemerkt zum Hintertürlein hinaus und ging zur Kirche.
Der Prinz aber, der in dem Palaste wohnte, war zu Zeiten gar traurig und schwermütig und wusste nicht, warum. Und bei Hofe war niemand, der vermocht hätte, ihn aus seinem düsteren Sinnen aufzurütteln und sein Herz zu erheitern, selbst die besten Freunde nicht. «Lieber Sohn, willst du dir nicht eine Frau suchen?» fragte ihn oftmals die Mutter kummervoll. «Mir gefällt keine von allen, die ich kenne», antwortete allemal der Sohn und schüttelte traurig das Haupt. Einzig nach der Messe stand ihm der Sinn, und nicht ein einziges Mal versäumte er den Gottesdienst. Aber auch in der Kirche mied er die Menschen und sass abseits still für sich in einer finsteren Ecke hinter einem Pfeiler. Doch als er diesen Sonntag vom Hochamt nach Hause kam, da leuchteten seine Augen, und sein ganzes Gesicht strahlte. «Mutter», rief er, «heut hab’ ich in der Kirche eine Jungfrau gesehen, so schön wie die Sonne. Die möchte ich zur Frau!» Da sprach die Mutter: «Wenn sie so schön ist, wie du sagst, und dir von Herzen wohlgefällt, so bring sie mir das nächste Mal her, dass ich sie sehe und als meine Tochter begrüsse.» - Aber da war der Drächengrudel schon längst wieder in der Küche unten und stand in seinen schmutzigen Hudeln am russigen Herd bei seiner Arbeit.
Am nächsten Sonntag fragte das Küchenmädchen abermals, ob es zur Messe gehen dürfe. Ja, wenn sie wieder im hintersten Winkel der Kirche sitze, wo es am finstersten sei, so dürfe sie gehen. Und geschwind lief sie die Stiege hinauf in ihr Kämmerlein und nahm das Kleid aus dem Schrein, das wie Mondenlicht glänzte, und ging verstohlen zur Kirche. Als das Hochamt vorüber war, trat der Königssohn unter das Portal, um die schöne Jungfrau zu erwarten. Und wie sie heraushuschte, trat er auf sie zu und ergriff ihre Hand, dass er sie anrede. Sie aber wich geschwind zur Seite, doch der Prinz konnte ihr noch schnell ein Ringlein von Gold an den Finger stecken. Sie aber entsprang und eilte durch ein heimliches Hintergässlein schnell, schnell ins Schloss zurück und schlich die Treppe hinauf in ihr Kämmerlein. Da zog sie das Mondenkleid aus und schloff wiederum in ihre Lumpen, und schon stand der Drächengrudel wieder am Herde. Und der Prinz war indessen ohne die Schöne nach Hause gekommen zu seiner Mutter.
Am dritten Sonntag fragte der Drächengrudel wieder, ob sie zur Messe gehen dürfe, und wie die vorigen Male erhielt sie vom Oberkoch die Erlaubnis. Diesmal legte sie das Kleid an, das wie Sternenlicht schimmerte, und um ihr Haar schlang sie einen Stirnreif mit einem goldenen Stern. Und wieder wartete ihr nach dem Gottesdienst der Königssohn unter der Kirchentür. Und als die Jungfrau heraustrat, schloss er sie in seine Arme, dass er sie festhalte. Sie aber entzog sich ihm und enteilte, so schnell ihre Füsse sie trugen, und ihre Silberschuhe mit den goldenen Schnallen klipperten - tipptripp - tipptripp - übers Pflaster hin. Der Prinz lief ihr nach, doch er vermochte nicht mehr, sie noch einzuholen. Aber just, wie sie um die Ecke in das Gässchen bog, fiel ihr der eine Schuh vom Fuss. Der Prinz hob ihn auf und barg ihn in seinem Wams.
Aber als er ganz atemlos vom Lauf nach Hause kam, da stand der Drächengrudel bereits wieder in Schlutte und Schooss unten in der Küche am Herd und rasselte und klapperte mit Pfannen und Tellern. «Mutter, sie ist mir wieder entsprungen!» rief der Prinz, als er zur Türe hereinkam, « aber sieh, hier hab ich den Schuh von ihrem Fuss, und nur die werde ich heiraten, der dieser Schuh gehört!» «Mein Sohn, ich will dir helfen!» erwiderte die Mutter, «lade auf den nächsten Sonntag für nach dem Kirchgang alle Mädchen des Landes zu einem Fest ein, und eine jede soll den Schuh probieren, und die, der er passt, die wird die rechte sein und soll deine Frau werden!» Das deuchte den Prinzen ein guter Rat, und alsbald wurden Boten im ganzen Land herum von Haus zu Haus geschickt, um in des Prinzen Namen alle Töchter zu dem grossen Hoffest in der Hauptstadt einzuladen.
Am folgenden Sonntag nach dem Gottesdienst kamen sie alle, vornehme Fräulein, Bürgertöchter und Bauernmädchen von allen Orten an den Hof, jede im schönsten Kleid und reichsten Putz, eine prächtiger als die andere, denn jede hoffte, sie und keine andere werde die Erkorene sein. Die einen trugen Kleider lichtweiss wie Schlehdorn, andere leuchtend rot wie Hagrosen, welche grün wie frisches Buchenlaub und aber andere in allen Farben wie die Blätter und Blumen im Herbst. Als nun alle im grossen Saale Platz genommen hatten und auf ihren Stühlen sassen und warteten, trat die Königin mit ihrem Sohne ein, gefolgt vom ganzen Hofstaat. Der Hofmarschall brachte den Schuh und der Herold verkündete: Die Jungfrau, an deren Fuss dieser Schuh passe, die werde der Prinz zu seiner Gemahlin erwählen. Da wollte nun jede die erste sein, den Schuh zu probieren, aber den meisten war er zu klein und zu fein, und von den wenigen, denen er fast gar passte, deuchte den Prinzen keine die rechte zu sein, denn keine kam der Jungfrau gleich, die er dreimal in der Kirche gesehen hatte.
Unterdessen stand der Drächengrudel in der Küche und half das Festmahl rüsten. Der Koch bereitete die herrlichsten Gerichte und leckersten Speisen: Suppe, Fleisch und Fisch, und zuletzt noch Küchlein zum Nachtisch. Der Grudel musste ihm eben die Teigschüssel halten, und als sie schier leer war, sagte sie: «Darf ich aus dem Teigrest auch ein Küchlein backen? Wenn’s missrät, werd ich es selber essen.» Der Koch kniff unwirsch die Brauen über der Nase zusammen und schnauzte: «Meinetwegen! Ja, füll dir nur den Bauch mit dem, was du dir selber küchelst. Diese feine Kost ist ohnedies kein Essen für dich, du Schlamp!» Da machte sich der Grudel gleitig ans Werk, und siehe, als das Küchlein knusprig braun gebacken war, da duftete es über die Massen gut und war viel schöner geraten als alle die andern, und so vortrefflich sah es aus, dass der Koch selber fand, das gehöre zuoberst drauf auf die Platte. Der Grudel aber hatte heimlich das goldene Ringlein, das ihm der Prinz an den Finger gesteckt, abgestreift und in das Küchlein eingebacken.
Nun wurde auch die Platte aufgetragen und das prächtige Küchlein, das zuoberst lag, dem Prinzen, der ganz versonnen an der Tafel sass, auf den Teller gelegt, denn er musste die ganze Zeit nur immer an das schöne Mädchen aus der Kirche denken. Als er das Küchlein endlich aufschnitt, da fiel das Ringlein heraus, und er erkannte es gleich wieder. Da wich mit einem Schlage der Missmut von ihm, seine Stirn ward heiter und seine Augen leuchteten. Alsbald hiess er einen Pagen den Koch rufen. «Sag mir, wer hat das Küchlein gebacken, das zuoberst lag?» Der Koch erschrak, denn er glaubte nichts anders, als dass etwas nicht gehörig gewesen sei. «Ja, Herr, das hat der Schlamp, der Drächengrudel gebacken», erwiderte er und wischte sich den Schweiss von der Stirn, «und wenn etwas gefehlt war, so bitte ich um Verzeihung.» «Nein, mein guter Mann», sagte der Prinz, «das war das beste Küchlein, das ich je verspeist habe. Aber wenn’s der Drächengrudel gebacken hat, so sag ihm, er solle sogleich in den Kleidern heraufkommen, die er allemal am Sonntag in der Kirche anhat!» Der Koch eilte in die Küche und sagte zum Grudel, der eben Geschirr aufwusch: «Ja, da schau zu, was du angestellt hast. Du sollst deine Sonntagskleider anlegen und gleich hinaufgehn in den Saal, zum Prinzen und vor die ganze Gesellschaft!» «Ja, dann mag abwaschen, wer will!» sagte der Grudel und lief in sein Kämmerlein, wusch und strählte sich und zog alle drei Kleider übereinander an, das Sonnenkleid zuerst, dann das Mondenkleid und zuletzt das Sternenkleid, so dass eines durch das andere durchschimmerte. Nun aber hatte sie ja nur den einen Schuh von dem Paar, das zu allen drei Kleidern gehörte. Aber daraus machte sie sich nichts. Sie hüpfte also bloss auf dem einen in den Saal hinauf und schlüpfte vor der ganzen Tafelrunde flugs in den Schuh, der noch immer mitten auf dem Boden lag. Und aller Augen waren auf sie gerichtet, denn eine so schöne Jungfrau hatte man noch nie gesehen. Der Schuh sass ihr wie angegossen am Fuss genau gleich wie der andere. Der Prinz ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie auf den Sitz, den er neben sich leergelassen hatte, und hiess sie vor allen, die zugegen waren, seine Braut. Und da ward denselben Tag noch die Hochzeit gefeiert.
Ich aber habe in der Küche statt des Drächengrudels das Geschirr abgewaschen und dabei einen Teller zerschlagen, und da hat mich der Koch am Ohr genommen und hinausgeworfen und mir nachgerufen: «Lauf zu, du Schlamp, und sag allen Leuten, was du angestellt hast!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch