Die Sternenkinder
Weit, weit von hier in Frankreich drüben lebten einst vor vielen hundert Jahren in einer Hütte am Rand des Dorfes drei wunderschöne Jungfrauen. Eines Morgens ergingen sie sich von ungefähr hinterm Haus im Garten, beschauten die Blumen und plauderten miteinander, wie so Mädchen eben tun. Sprach die älteste Schwester: «Dürft ich wünschen, was ich wollte, so möchte ich wohl die Frau des Mundbecken am Hofe werden; denn dann bekäme ich täglich weisses Brot, süsse Kuchen und knuspriges Zuckerwerk, so viel mich gelüstete, grad wie der König selber.» Die zweite sprach: «Dürft ich wünschen, was ich wollte, so möchte ich wohl des Königs Leibkoch zum Manne haben, denn dann bekäme ich täglich von den besten Speisen zu essen, die auf die Tafel des Königs kommen.» Die jüngste aber sagte: «Dürft ich mir wünschen, was ich wollte, so möcht ich unseres jungen Königs Gemahlin werden, denn dann hätt ich ihn selber, und zwei Kinder würde ich ihm gebären, ein Büblein und ein Mägdlein, und das eine trüge einen goldenen und das andere einen silbernen Stern auf der Stirn. Also hat mir neulich geträumt, als ich am Spinnrad eingeschlafen war.» Solches redeten die drei Mädchen und merkten nicht, dass der junge König derweilen am Hag angestanden und ihre Rede belauscht hatte. Und die Worte der Jüngsten wollten ihm nicht mehr aus dem Sinn kommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Da liess er die drei Schwestern vor sich kommen und fragte sie, ob sie zu den Reden stünden, die sie neulich eines Morgens im Garten getan. Die beiden Älteren taten erst ein wenig geschämig und zierten sich, sagten dann aber, ja, so sei es. Die Jüngste aber schaute dem König grad in die Augen und wiederholte frei, was sie gesagt. Da nahm der König sie bei der Hand und bat, sie möchte ihre Worte doch wahr machen und seine Frau werden, und auch ihren Schwestern sollte ihr Wunsch erfüllt werden. Und so heirateten denn diese, die eine den Mundbecken, die andere den Leibkoch, und die Jüngste wurde des Königs Gemahlin. Denn was sein soll, das wird, und so war’s auch hier.
Nun lebte des Königs Mutter noch, die war aber ein böses Weib, voller Tücke und Ränke und mochte die junge Königin nicht leiden, weil sie ein armes Mädchen gewesen und von niederer Herkunft war. Unablässig sann sie darüber nach, wie sie jene verderben möchte; aber sie liess sich beileibe nichts merken und stellte sich gar liebreich und treu, so dass die Arglose sie liebte und ehrte, als wär es ihre eigene Mutter.
Eines Tages nun musste der König in den Krieg ziehen, und ehe er Abschied nahm, vertraute er seine Gemahlin, die schwanger ging, der Obhut seiner Mutter an und legte ihr ans Herz, das Kindlein wohl zu betreuen, wenn es zur Welt komme. Als nun die Zeit kam, dass die Königin gebären sollte, da liess die Alte niemand in die Kammer, auch die beiden Schwestern nicht, die gekommen waren, um ihre Hilfe anzutragen. Die Königin gebar aber zwei wunderliebliche Kinder, wie Wein und Milch, ein Knäblein und ein Mägdlein, das eine mit einem goldenen, das andere mit einem silbernen Stern auf der Stirn und beide mit goldenen Haaren. Wie nun die junge Mutter schlief, da nahm die arge Alte die Kinder schnell aus der Wiege und übergab sie einem ergebenen Diener, dass er sie in den Wald trage und umbringe. Der musste ihr bei Himmel und Hölle darauf schwören, und sie gab ihm obendrein noch viel Gold, dass er’s auch ja tue. Dann ging sie wieder hinauf und legte ein Hündlein und ein Kätzlein an die Stelle der Kinder. Und als die Königin erwachte und nach ihren Kindern fragte, da brachte ihr die Alte die beiden Tierlein und sagte, sie habe statt Menschenkinder diese zur Welt gebracht. «Nein, nein», rief die arme Mutter, «ich habe sie doch deutlich schreien hören!» «Ach, das hast du nur geträumt», sagte die Alte. Dann ging sie hin und fertigte einen Boten an den König ab mit einem Brief, der ihm meldete, die Königin habe einen Hund und eine Katze zur Welt gebracht. Sie sei gewiss eine Zauberin, und Gott habe sie für ihre Freveltaten gestraft, dass er ihr Tierjunge statt Kinder beschert habe. Der gute König geriet ausser sich vor Zorn und Gram, denn er glaubte nicht anders, als er habe eine Hexe zum Weibe genommen, und das sei jetzt die Rache des Himmels. Er gebot, die beiden Tierlein auf der Stelle zu ersäufen, seine Gemahlin aber in den Kerker zu werfen, wo ihr weder Sonne noch Mond mehr scheine, damit er sie nicht mehr sehen müsse, wenn er aus dem Kriege heimkehre. Und also geschah es.
Jener Diener aber, der die Kinder umbringen sollte, war in den Wald gegangen; aber wie er sein Messer zog, um sie zu töten, da schlug ihm das Gewissen, denn die Kindlein in ihrem Körblein wimmerten so kläglich mit ihren feinen Stimmlein, dass es ihm zu Herzen ging. «Nein», sagte er, «umbringen kann ich euch nicht, aber am Leben lassen darf ich euch auch nicht, ich hab’s meiner Herrin geschworen.» Und er nahm das Körblein und stiess es in den Wildbach hinaus, und die Wasser nahmen es und trugen es fort.
Eines Morgens früh bei Tag ging ein Müller im Unterland, um das Wasser anzulassen, da fand er auf dem grossen Rade ein Körblein, darin zwei wunderliebliche Kinder lagen, wie Wein und Milch, das eine mit einem goldenen, das andere mit einem silbernen Stern auf der Stirn und beide mit goldenen Haaren. Und so süss lächelten sie ihn an, dass ihm das Herz in der Brust schier schmolz. Der Müller hatte aber schon selber zehn Kinder daheim, davon das Jüngste unlang geboren war. Aber er dachte, zwei dazu mache nicht mehr, und er nahm den Korb und trug ihn nach Hause. Seine Frau schlug freilich die Hände über dem Kopf zusammen: «Ach Gott, Mann», rief sie, «was bringst du noch zwei Mäuler mehr mit, und wir wissen so schon oftmals, wenn das Korn rar und nichts zu mahlen ist, kaum, wie wir unsere zehn Kinder sättigen sollen.» Der Müller aber sagte: «Frau, siehst du die Sternlein nicht, das goldene hier und da das silberne und die goldenen Haare? Das sind gewiss Herrenkinder.» «Nun, in Gottes Namen, so sei’s denn», sagte die Frau und nahm die Kinder und tränkte sie wechselweise mit ihrem eigenen Säugling.
So blieben sie, das Knäblein und das Mägdlein, bei den Müllersleuten und wuchsen mit den andern Kindern auf und wurden mit jedem Tage schöner und klüger. Aber die anderen Müllerskinder nannten sie oft im Spass beim Spiel oder wenn sie miteinander stritten, Findlinge und Fremdlinge, nach Kinderart und dachten nichts weiter dabei. Die Eltern verwiesen es ihnen und straften sie, aber es half allemal nicht lange, und als die Sternenkinder gross geworden waren und darüber klagten und fragten, da sagte der Müller ihnen die Wahrheit, dass sie nicht seine Kinder seien und wie er sie vor Jahren im Mühlbach in einem Körblein gefunden. Und wer ihre rechten Eltern seien, das wisse er nicht, aber mit Gottes Hilfe werde es vielleicht doch noch einmal offenbar. Aber seit dem Tage haben die beiden nicht aufgehört, den Müller zu fragen und zu plagen, er möchte ihnen doch sagen, wie sie ihre Herkunft erfahren könnten. Lange wollte der Müller mit der Sprache nicht heraus, endlich, als sie gar nicht ablassen wollten, sagte er: «Das weiss nur der Vogel, der die Wahrheit sagt. Aber der ist schwer zu finden; denn er ist weit, weit weg im Schloss auf dem gläsernen Berg.»
Da hielt es den jungen Knaben keinen Tag mehr, und am andern Morgen schon sattelte er das schwarze Ross des Müllers und machte sich auf, um nach dem Vogel zu suchen, der die Wahrheit sagt. Die Schwester aber weinte bitterlich und sprach: «Ach, Unseliger, was soll aus mir werden, wenn du nicht wiederkehrst? Ich bitte dich, bleib bei mir, oder nimm mich mit. Mir ahnt, dass dir Böses droht.» «Nein, liebste Schwester,» sagte er, «sei getrost und fürchte dich nicht, denn es geschieht nur, was geschehen soll. Hier, nimm diesen Rosenkranz und wisse, wenn die Perlen rot werden wie Blut, dann bin ich tot.» Und damit nahm er Abschied.
Er ritt die Ebene hinaus, weit und immer weiter, manchen Tag, bis er in einen finsteren Forst kam. Wo die Tannen am dichtesten standen, da trat ihm aufs Mal ein altes Fraueli in den Weg. Das sprach: «Weiss schon, weiss schon, schöner Knabe, du suchst den Vogel, der die Wahrheit sagt. Aber der Weg dahin ist schwer zu finden. Hier hast du eine Kugel. Wirf sie vor dich hin und folge ihr, wohin sie rollt. Wo sie hält, da musst auch du haltmachen. Aber vor einem hüte dich: Schau nicht hinter dich, du magst hören, was Teufels es sei, sonst bist du verloren.» Der Jüngling dankte der Alten und versprach, ihren Rat zu achten. Er warf die Kugel vor sich hin und ritt ihr nach. Aufs Mal lichtete sich der Wald, und er kam an einen dunkelblauen, tiefen See, und vom Ufer erhob sich jäh ein hoher steiler Berg; darauf war ein Schloss gebaut mit goldenen Türmen und Zinnen. Jetzt stand die Kugel still, und der Jüngling sprang vom Ross und begann gleich den Berg zu erklimmen. Aber kaum hatte er die ersten Schritte haldan getan an mancherlei bunten Steinen und Felsblöcken vorüber, da hörte er es hinter sich wie von tausend Stimmen rufen und kichern: «Hehe, seht nur den hübschen Jungen mit dem Stern auf der Stirn, der meint auch, er könne den Vogel holen, der die Wahrheit sagt! Hoho, den kriegt er nicht!» Da vergass der Jüngling des Gebotes der Alten und blickte sich um, er konnte nicht widerstehen. Und auf der Stelle fiel er in einen Stein verwandelt auf den Boden.
Die Schwester harrte unterdessen Tag für Tag der Heimkehr des Bruders. Aber er kam nicht, und eines Tages waren die Perlen des Rosenkranzes rot wie Blutstropfen. Da sprach die Jungfrau: «Ich will ausziehen und meinen Bruder suchen, finde ich ihn nicht unter den Lebenden mehr, so finde ich ihn gewiss bei den Toten.» Und zur Stunde sattelte sie das weisse Ross des Müllers und ritt in die Weite. Da haben der Müller und die Müllerin und alle Kinder geweint, bis sie ganz rote Augen bekamen; denn die Jungfrau war schön und gut wie ein Engel.
Wie sie in jenen Wald kam, da trat ihr, wo die Tannen am dichtesten standen, das alte Fraueli in den Weg und sprach: «Weiss schon, weiss schon, gutes Kind, du suchst den Vogel, der die Wahrheit spricht, und deinen Bruder, der nicht heimgekommen ist. Aber der Weg dahin ist schwer zu finden. Hier, nimm diese Kugel und wirf sie vor dich hin und folge ihr, wohin sie rollt. Wo sie hält, da musst auch du haltmachen. Aber vor einem hüte dich wohl: Schau nicht hinter dich, du magst hören, was Teufels es sei, sonst bist du samt deinem Bruder auf immer verloren.» Die Jungfrau dankte der Alten und ritt hinter der Kugel drein. An dem blauen See am Fusse des hohen Berges hielt sie still. Die Jungfrau sprang vom Rosse und begann gleich den Berg hinaufzuklimmen. Aber noch hatte sie nicht manchen Schritt an den Steinen vorbei getan, da rief’s hinter ihr wie von tausend Stimmen: «Nein, seht nur das feine Jümpferlein mit dem Stern! Das meint auch, es könne den Vogel holen, der die Wahrheit spricht! Hoho, die wird ihn nicht kriegen, sowenig wie ihr Brüderlein!» Die Jungfrau aber hörte nicht auf das Geschrei und ist frisch weitergestiegen. Da schrie es lauter und lauter hinter ihr und heulte und kreischte und krachte und kroste, als wollte die Welt von einem Ende zum anderen zusammenfallen. Endlich stand sie oben vor dem Schlosse, und da war’s mit einem Schlage still. Das Schloss war aus grünem Marmelstein gebaut und hatte goldene Dächer. Auf der Brücke vor dem Tore aber stand rittlings ein gewaltiger Riese Wacht, mit einem zündfeuerroten Bart, am ganzen Leibe zottig wie ein Tier. Der schwang drohend einen Tannenbaum mitsamt den Wurzeln und liess niemand herein. Die Jungfrau aber schlüpfte geschwind wie ein Wiesel dem wilden Mann zwischen den Beinen durch. Da sprang das Tor mit einem Donnerschlag auf, und sie trat ins Schloss. Zuerst kam sie in eine Halle, die strahlte von Gold und Edelsteinen, die in allen Farben funkelten. Da war rauschendes Fest und Glanz und Tanz allerwegen von lauter festlich gekleideten Herren und Damen. Und die schmuckesten Ritter und Grafen, Herzöge und Königssöhne huldigten ihr und baten sie um einen Reigen. Und zuletzt kam gar einer, der sah ganz ihrem Bruder gleich an Gestalt und Aussehen, und wollte sie bei der Hand nehmen. Die Jungfrau aber liess alle stehen und ging weiter von Gemach zu Gemach, und das eine war immer prächtiger als das andere. Im prächtigsten von allen aber hingen zahllose goldene und silberne Vogelbauer rundum an den Wänden, und in jedem sass ein buntbefiederter Vogel. Da gab es weisse, rote, gelbe, grüne, blaue und vielfarbige Vögel, ja sogar silberne und goldene. Die riefen alle miteinander unablässig: «Ich bin der Vogel, der die Wahrheit sagt, nimm mich mit!» In einer Ecke aber stand ein hölzernes Bauer. Darin war ein kleiner grauer Vogel, der schaute die Jungfrau mit seinen glänzenden Äuglein an und hat nichts gesagt. Den hat die Jungfrau genommen. Da zwitscherte der Vogel fröhlich und rief mit silberhellem Laut: «Jungfrau mit dem Stern, ich durfte nicht sagen, dass ich der Vogel bin, der die Wahrheit sagt. Nimm mich mit und geh hinaus in den Rosengarten und brich einen Zweig von dem singenden Baum mit dem laubigen Dolder, der da an einem lauteren Brunnen mitten im Garten steht. Dann schöpf einen Krug von dem Wasser und sprenge einige Tropfen davon auf jeden Stein, an dem wir vorbeikommen, wenn wir den Berg hinabsteigen, und berühre ihn danach mit dem Zweige.» Die Jungfrau tat, wie der Vogel sie hiess, und siehe, kaum waren die Tropfen auf die Steine gefallen und hatte ihr Zweig sie berührt, da erstanden daraus so viele Jünglinge und Jungfrauen, Ritter und Edeldamen auf ihren Rossen; die waren alle voreinst dahin gekommen, um nach dem Vogel zu suchen, der die Wahrheit sagt, und hatten ihn nicht erlangen können, weil sie die Probe nicht bestanden. Und aus einem der Steine erhob sich auch der Bruder der Jungfrau. Mit Tränen der Freude umarmte er die Schwester und dankte ihr für seine Erlösung. Und das taten auch die anderen Entzauberten alle. Jetzt aber sang ihnen der Vogel, der die Wahrheit spricht, in wundersamen Tönen die ganze Geschichte, wie sie eines Königs Kinder seien, der ihre Mutter verstossen, weil die böse Schwiegermutter in ihrem Hass sie verleumdet. Ihr Vater aber verzehre sich in Harm und Gram, weil sein Glück solch ein Ende genommen. «Gehet nun zu eurem Vater und offenbaret ihm die Wahrheit.» So sang der Vogel, der die Wahrheit sagt. Da zogen die Geschwister, gefolgt von der Schar der Erlösten, an den Hof des alten Königs. Der empfing die fremden Gäste mit Ehren und bewirtete sie herrlich mit einem grossen Fest. Am Schlusse des Mahles stellten die Sternenkinder das Bauer mit dem Vogel auf den Tisch, und der sang alles, was sich begeben hatte, von dem Tage an, da der König die Reden der drei Schwestern belauscht, bis zur gegenwärtigen Stunde. Der alte König wusste sich vor Freude weder zu fassen noch zu lassen, wie er das hörte, und auf der Stelle holte er seine Gemahlin aus dem Kerker und führte ihr ihre Kinder zu. Auf dem Schlosshof aber gebot er einen Holzstoss aufzuschichten. Darauf ward seine böse Mutter am Tage darnach gebracht und selber als Hexe verbrannt. Die braven Müllersleute aber und ihre Söhne und Töchter haben die Sternenkinder zu hohen Ehren gebracht. Das ist die Geschichte von dem Vogel, der die Wahrheit sagt.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch