Von Sankt Mauritius und der Thebäischen Legion
Egypten, das alte vielgelobte Land, sieben Tagereisen von Sizilien gelegen gen Sonnenaufgang jenhalb der Grenzen von Arabia, war vor Zeiten so gross und weit, dass es viel tausend Städte hatte. Das Land floss über vor Reichtum, und die Erde brachte der Früchte Überfülle hervor, so dass es ein offenes Kornhaus der Welt hiess und die umliegenden Völker in Hungerzeiten ernähren und erhalten konnte. Das Volk des Landes war gross von Leib, wie man sagt, streng von Waffen, tapfer im Streit, kundigen Sinnes und reich an Weisheit. Die Hauptstadt des ganzen Landes aber war Theben, an den Wassern des Nilstroms gelegen. Und hiess bei den Griechen das Hunderttorige, darum dass sie mit hundert Porten oder Toren
gewaltiglich befestigt und geziert war. In diesem Lande predigte Jakobus, der Bruder des Herrn, allem Volk das Wort Gottes und lehrte sie den Christenglauben vollkommen.
Diokletianus aber und Maximianus, die zu Rom als Kaiser der Herrschaft über den Erdkreis walteten, wollten den Christenglauben gänzlich ausrotten und sandten in alle Lande, da Christen wohnten, Briefe. Darin stund geschrieben: «So es not wäre, eine Sache zu wissen oder zu entscheiden, und stünde alle Welt auf der einen Seite, und Rom allein auf der andern, so müsste dennoch die ganze Welt besiegt weichen, und Rom allein stünde auf dem Gipfel der Wissenheit. Warum also, du winzig Volk, willst du seinen Geboten widerstehen und also töricht dich auflehnen gegen seine Gesetze? Nimm an dich der todlosen Götter Glauben, oder es ergeht ein unwiderruflich Urteil wider dich.» Die Christen empfingen die Briefe und liessen die Boten heimziehen ohne Antwort. Da wurden Diokletianus und Maximianus von Zorn bewegt und sandten durch die Lande, dass alle Männer, die zu den Waffen taugten, gen Rom kämen, auf dass sie dem Römischen Reich untertan machten alle, die abtrünnig wären geworden. Die Briefe der Kaiser kamen auch zu dem Volk von Theben. Das aber wollte Gottes Gebot halten und Gotte geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Also sammelten sie eine erlesene Legion, sechstausendsechshundertsechsundsechzig an der Zahl, lauter kampfmutige Männer, geadelt durch Tapferkeit und mehr noch durch Treue im Glauben, und sandten sie zu den Kaisern, ihnen im gerechten Kriege zu helfen, aber nicht wider die Christen die Waffen zu tragen, sondern sie zu schirmen. Zum Obersten aber ward erwählt der edle Mauritius, der von vornehmen Eltern geboren und von Jugend auf den Dingen des Krieges geneigt sich mehr als einmal schon als ein rechter Held erzeigt. Des Heeres vornehmste Bannerträger aber waren Exuperius, Candidus und Viktor. Zu eben der Zeit erhob sich im Lande Gallien eine böse Empörung wider der Römer Herrschaft und Obrigkeit. Und so grosses Volk hing dem Aufruhr an, dass die Kaiser beide gezwungen waren, sich nach Rom zu begeben und des Rates zu pflegen, wie das entzündete Feuer zu dämpfen sei und dazu der Christenglaube nach Kräften auszutilgen. Und sie wurden rätig, dass Maximianus mit einem zahllosen Heere wider Gallien in Streit ziehen sollte. Und diesem Heere ward auch die Thebäische Legion beigesellt zum Schein weil man ihrer nicht entbehren könne um ihrer Trefflichkeit willen, in Wahrheit aber, um sie, die alle gottselige Christen waren, ihres Glaubens und unsträflichen Wandels halber ausserhalb ihres Vaterlandes zu vertilgen oder von dem wahren Glauben abzubringen; denn sie bekannten alle, Mann für Mann, frei und öffentlich Christus und den christlichen Glauben.
Als nun das ganze Heer über die Alpen war gezogen und nach Oktodurus gekommen in einem Tale, Wallis geheissen, gebot der Kaiser, dass alle, die mit ihm wären, den Abgöttern sollten opfern und einen Eid schwören wider alle, die sich wider das Reich erhoben hätten, und sonderlich wider die Christen. Wie dies die heiligen Krieger vernahmen, da liessen sie dem Kaiser ausrichten: sie bäten, ihnen und allen Christen solch abgöttisch Opfer und argen Eid nicht zuzumuten, da keiner unter ihnen von dem christlichen Glauben abstehen werde und sein Gewissen beschweren. Im übrigen aber wolle die ganze Legion treu zum Kaiser und Römischen Reich stehen, es schützen und schirmen und ihr Leben dafür einsetzen. Und sie schlissen ihr Lager zu Oktodurus und zogen acht Meilen von dem Heere und lagerten sich in einem guten Ort, Agaunum genannt, an dem Rhonefluss gelegen.
Kaiser Maximianus erhielt ihre Absage, dieweil er eben alles zu der Götzen Opfer liess bereiten; da ergrimmte er voller Hoffahrt und Zorn und sandte zu ihnen Kriegsknechte und gebot, dass sie mit den andern zu der Götter Opfer kämen. Sie aber antworteten abermals:das könnten sie nicht tun, denn sie hielten Christenglauben.
Da entbrannte der Kaiser in neuem Zorn und sprach: «Sie verschmähen mich nicht allein, sie beleidigen auch die Götter, und wird mit mir der Römer Glaube geschändet. Wahrlich, die Übermütigen sollen spüren, dass nicht ich allein, sondern auch die Götter sich an ihnen rächen.» Also gebot der Kaiser seinen Kriegsknechten, dass sie die Thebäer sollten zum Opfer zwingen, oder jeden zehnten Manņ von ihnen, so wie sie in ihrer Rüstung stunden, auf der Stelle mit Ruten zu schlagen und zu enthaupten. Da neigten die Heiligen ihre Häupter mit Freuden und boten den Streichen der Henker starkmütig ihre Hälse, und jeglicher eilte, dem andern zuvorzukommen im Tode, dieweil jeder gern der erste gewesen wäre.
Nach dieser grausamen Tat traten die Abgesandten des Kaisers abermals vor Sankt Mauritius und die Legion, sie zu ermahnen, sie möchten jetzt mit ihnen nach Oktodurus zurückkehren und das allgemeine Opfer mit den andern verrichten und sich mit dem Kaiser versöhnen. Sollten sie sich jedoch des Befehls abermals entschlagen, so müssten sie alle den Tod durch das Schwert erleiden, wenn nicht gar noch härtere Marter und ärgere Pein. Sankt Mauritius stand auf und sprach: «Schon liegen um uns her die Leiber unserer gemordeten Genossen, und von dem Blute der Brüder sind unsere Kleider rot. So wollen wir ihnen nachfolgen und dem Kaiser antworten: Kaiser, wir sind deine Krieger und haben das Schwert ergriffen, das Römische Reich zu beschirmen. Wir tragen wohl unsere Waffen, wir werden sie aber nicht zur Gegenwehr erheben. Was du auch über uns beschliessen und verhängen magst, wir sind bereit, es zu erdulden. Selbst die Bedrängnis zum Tode wird uns nicht zur Empörung drängen. In uns ist kein Verrat und keine Furcht. Aber den Glauben Christi mögen wir nimmermehr lassen.»
Übel zufrieden mit dieser Antwort, zogen die Gesandten ins Lager und zeigten Maximianus an, dass keine Hoffnung sei, die Thebäische Legion von ihrem Glauben zu bringen und zu dem Opfer zu zwingen, dieweil sie sich sämtlich anerböten, eher den Tod zu leiden. Als der Kaiser das vernahm, gebot er abermals, dass man jeden zehnten Mann töte. Als das geschehen war, nahm der Bannerträger Exuperius sein Banner in die Hand, stund mitten unter seine Gesellen und sprach: «Auch ich, Exuperius, euer Bannerträger, will nicht die Waffen ergreifen, dem Morde zu wehren, sondern unsere Hände sollen alle leiblichen Waffen hinwerfen, und wir wollen uns allein mit der Tugend rüsten. Dem Kaiser aber lasset uns dieses sagen: Kaiser, wir sind deine Krieger, aber Christi Knechte. Dir schulden wir Kriegsdienst, Christo aber unsere Unschuld. Von dir nehmen wir den Sold für unsere Arbeit, von Christus haben wir empfangen unseres Leibes und Lebens Ursprung. Darum sind wir bereit, alle Marter zu erdulden, die Menschen uns zufügen können, und weichen nimmermehr von seinem Glauben.»
Da ergrimmte der gottlose Kaiser vollends und sprach: «Wie dürfen doch meine Kriegsknechte so oft verachten meine Gebote und die Ordnung des gebotenen Opfers ? Drum eilet in hellen Haufen wider die Thebäer! Hauet, stechet, schlagt tot die Aussätzigen, dass sie lernen und erfahren, wie gross die Macht des Kaisers ist, der nicht für seine Person und Würde, sondern für die ewigen Götter des Römischen Reiches Rache von ihnen fordert. Und überdies soll jedem gemeinen Soldaten, der einen Thebäer erschlägt, als sein Eigen zufallen, was dem Getöteten gehört hat. Und je mehr einer umbringt, je grösser der Teil, der ihm wird von der gemeinen Beute!»
Da zogen sie aus, unzählige Tausende, mit grossem Geschrei und Getümmel, das ganze Heer, und umgaben die Thebäer, so dass keinermehr entrinnen mochte. Also wurden die Streiter Christi umgeben von den Schergen des Bösen, und die Mörder tauchten ihre Hände in ihr unschuldiges Blut und zertraten ihre Leiber mit den Hufen der Rosse. Die Thebäer aber wollten nicht streiten für ihren Glauben und legten freiwillig ihre Waffen von sich und lösten ihre Ehrengürtel auf. Also ward jung und alt erschlagen und niemand verschont, und ihr heiliges Blut floss durch die Felder in die Rhone.
Also ist Sankt Mauritius mit seiner Schar zu Agaunum erschlagen worden. Und nach seinem Namen heisst der Ort noch heute St. Maurice.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch