Felix und Regula
Es entrannen aber etliche aus der Thebäischen Legion im Wallis dem blutigen Schwert des Kaisers, die unter besonderer Schickung schon vor der Metzelei waren anderwärts gesandt worden oder mit Gottes Hilfe rechtzeitig entwichen waren. Darunter war auch ein frommer edelgeborener Krieger mit Namen Felix. Ihm war aus schwesterlicher Liebe Regula aus Egyptenland übers Meer gefolgt nach Rom und von da weiter bis ins Wallis nachgezogen, samt einem alten ehrbaren Diener ihres Hauses, dem treuen Exuperantius. Sie entwichen talauf der Rhone nach und kamen über den Berg Furka auf Ursulen gen Uri und von da weiter über rauhe Berge durch die Mark in das Land Glarona, welches zu selbiger Zeit noch eine Einöde und Wildnis war und spärlich bewohnt. Von Glaris zogen sie der Linth nach an den See und kamen den See hinab bis zum Ausfluss der Limmat zur alten Burg Turicum. Dort bauten sie sich selbst schlechte Hütten am Flusse, dort wo heute die Wasserkirche steht, und dienten Gott dem Herrn mit Fasten, Wachen und Gebet Tag und Nacht.
Auf der Burg aber wohnte ein römischer Landpfleger, Decius geheissen, dass er dem Kaiser die Länder regiere und den Frieden erhalte. Nun hatte der gottlose Kaiser Maximianus den Geschwistern einen Boten nachgesandt, dass er sie verfolge, wohin sie kämen. Der kam zu Decius und brachte ihm den Brief des Kaisers. Darin stand geschrieben: der Landpfleger möge von des Römischen Reiches wegen gar wohl acht haben, dass der christliche Glaube nicht fortgepflanzt werde, sondern alle, die solcher Lehre anhingen und solchen Wandels wären, seien gefangen zu setzen und zu zwingen, dass sie den Göttern opferten. Und die dem Gebote ungehorsam wären und das nicht tun wollten, seien mit der grausamsten Pein und Marter hinzurichten.
Und Decius, seinen Oberen gehorsam, sandte ungesäumt seine Schergen aus, die Christen auszuspähen und zu fangen, denn er war innegeworden, dass Felix und Regula samt ihrem Diener Exuperantius nicht allein Christen waren, sondern aus der Thebäischen Legion herkamen. Und so hoffte er die besondere Gunst des Kaisers zu gewinnen, wenn er just sie ergriffe.
Als die Schergen kamen, lagen die Heiligen eben im Gebet, da sie zu Mittag ihr schlichtes Mahl einnehmen wollten bei einem Brunnen. Da schlug Gott die Häscher mit Blindheit, also dass sie die Heiligen gar nicht sahen, und gingen doch an ihnen vorüber. Und wie sie vorübergingen, sprach Felix zu Regula: «Meine liebste Schwester, siehe, jetzt ist uns der Tag des Heils erschienen. Komm, wir wollen uns ihnen zeigen und empfangen den Tod für Christus, unseren Herrn, so werden wir Genossen sein der Auserwählten im Himmelreich.» Und sie erhoben ihre Hände zum Himmel und beteten, dass also geschehen möge, und taten also.
Als nun alle drei gebunden und gefangen auf die Burg Turicum vor den Richter Decius geführt wurden, sprach jener: «Christen seid ihr und Genossen des Mauritius, und aus der Thebäischen Legion kommt ihr her, die euch im Tode vorangegangen, da sie die unsterblichen Götter geschmäht und die ewige Roma.» Felix antwortete und sprach: «Christen sind wir und Genossen derer, über die du uns befragst, und gleich ihnen hoffen wir der ewigen Seligkeit teilhaftig zu sein.» Decius sprach: «Opfert den Göttern!» Die Heiligen antworteten: «Wir opfern deinen Göttern nicht und beten sie nicht an.» Decius sprach:«Bei den grossen Göttern schwör’ ich euch; wenn ihr nicht opfern wollt, so habe ich Macht, euch mannigfache Marter anzutun.» Die Heiligen antworteten: «Unsere Leiber hast du in deiner Gewalt - damit magst du handeln und tun nach deinem Willen und Gefallen, aber unsere Seelen nicht, sondern die sind dessen, der uns gebildet hat. Nicht werden wir fürchten, was ein Mensch uns tue.»
Da ergrimmte Decius und liess Felix und Regula und Exuperantius von der Burg auf die Hofstatt hinabführen an das Eck, wo Sihl und Limat zusammenfliessen. Und er gebot, ihnen ihre Kleider auszuziehen, sie an einen Pfahl zu binden und sie so lang mir Ruten und eisernen Stäben zu schlagen, bis sie ganz wund wären und das Blut in Strömen von ihnen rinne. Und so geschah es. Darauf wurden sie in ihren Kerker zurückgeführt, bis dass Decius sich bedacht hätte, was er weiter mit ihnen anfangen wollte.
Nach wenigen Tagen liess Decius die Heiligen wieder vor sich bringen und gedachte mit guten Worten, sie von dem christlichen Glauben abwendig zu machen. Darum redete er sie also an: «Ich weiss wohl, dass ihr nur aus Unwissenheit töricht wider mich geredet und getan habt. Deshalb erbarme ich mich über euch, und wenn ihr die unsterblichen Götter Mars, Jupiter und Merkur anbeten und ihnen opfern wollt, so will ich euch verzeihen, was ihr getan.
Wenn ihr euren Sinn aber verhärtet, und weiterhin ungehorsam befunden werdet, so schwöre ich beiden grossen Göttern und bei des Kaisers Grossmut und Milde, dass ich euch alle Marter antun werde, deren ich mächtig bin.» Felix aber und Regula und Exuperantius achteten seiner Drohunge nicht und nicht der Vorbereitung der Marter, sondrn kehrten sich zu Gott und baten ihn, dass er ihnen Starkmut und Standhaftigkeit verleihe in dieser Anfechtung und Drangsal, auf dass sie nicht fürchteten, was die Menschen ihnen antäten. Da bildete sich über ihnen eine lichte Wolke, und eine Stimme scholl daraus und sprach: «Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch bis an das Ende der Erdenzeit.»
Da befahl Decius, man solle sie in das siedende Öl werfen. Aber das Feuer erlosch, und das Öl erkaltete. Da ergrimmte Decius vollends, er liess Blei und Pech zergehen und über die Heiligen ausgiessen. Doch es lief an ihren Leibern ab, als wäre es Wasser. Wie Decius dies sah, sprach er: «Wohlan, dieweil ihr alle Marter verachtet und meinen Göttern nicht opfern wollt, so sollt ihr vom Leben zum Tode gebracht werden mit dem Schwert.» Und er sass zu Gericht über sie und sprach das Urteil: «Felix und Regula und Exuperantius von der Thebäischen Legion und Genossen des Empörers Mauritius, Verschmäher der Götter, Zerstörer des Glaubens, Aufrührer und Empörer wider das Römische Reich sollen mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gerichtet werden.»
Dann wurden sie gebunden und von den Henkern geführt auf den Platz, wo jetzt die Wasserkirche steht, unweit davon sie ihre Hütten hatten. Da neigten sie den Nacken, und der Henker schlug ihnen das Haupt ab. Gott aber wirkte ein Wunderzeichen an ihnen, also dass ihre Leiber aufstanden und nahmen ihre Häupter mit den Händen von der Erde auf und hielten sie vor die Brust und trugen sie dergestalt geraden Ganges noch vierzig Ellen weit auf den nächsten Bühl. Da legten sich alle dreie in eine Reihe nebeneinander nieder. Von frommen Leuten, die sie zum Christenglauben bekehrt, sind sie heimlich zur Nacht begraben worden.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch