Sankt Gallus und die Geister des Berges und des Sees
Zu Bregenz am Bodensee verblieb der heilige Columbanus mit seinen Gefährten drei Jahre. Etliche erbauten Zellen, andere rüsteten den Garten zu und pflanzten darein. Der heilige Gallus aber, der strickte ein Fischgarn, denn er war ein guter Fischer und fing mit Gottes Hilfe soviel Fische, dass seine Brüder kein Mahl Mangel hatten, sich daran zu laben.
Als er wieder einmal in der Stille der Nacht sein Netz ausgeworfen, da hörte er, wie die bösen Geister miteinander sprachen; ein grosses Geschrei, gleich als ob zwei Weiber kreischten. Vom Gipfel des Berges schrie laut ein Geist und rief dem andern zu, in der Tief des Sees: «Wo bist du, Gesell?» - «Hei, da bin ich!» rief der Geist vom See zurück. Sprach der vom Berg: «Ach was tun wir? Oder wo sollen wir noch hinaus? Warum lassen wir die fremden Männer hier sein? Sie verjagen uns von den Menschen und dieser will uns nicht einmal in der Wildnis Friede geben. Steh auf und hilf mir die fremden Männer aus dem Land verjagen! Aus meinem Hause haben sie mich gejagt, meine Bilder zerschlagen und mein Volk zu Gott bekehrt! Meine Schmach ist auch die deine!» Drauf antwortete der im See: «Ach, was du von deiner Schmach sagst, das geschieht mir selbst, denn eben jetzt ist ihrer einer auf dem Wasser und drückt mich in den See und verstört mein Reich also dass ich seine Netze nicht mehr brechen mag und ihm weder List noch Schaden mehr zufügen, weil er Gott anruft ohn Unterlass. Also ist er durch Zauber geschützt und wird nicht vom Schlafe benommen.»
Da der heilige Gallus dies gehört, da schlug er über sich das Zeichen des Kreuzes und befahl sich nur noch emsiger Gott dem Herrn und sprach zu den Geistern: «Im Namen Jesu Christi beschwöre ich euch und gebiete ich euch, dass ihr euch von hinnen hebt und niemand mehr ein Leid tut!» Dann fuhr er ans Land und meldete dem Oberen, was er vernommen. Da liess Columban die Glocke läuten, um die Brüder in der Kirche zu versammeln. Ehe sie aber zu singen angefangen, da vernahmen sie ein greulich Heulen und Geschrei, das die bösen Geister auf dem Berge erhoben, und hörten sie in der Luft hin und her fahren und eine Stimme die schrie: «Ist Gallus noch in der Wildnis?» und eine andre, die dawider rief: «Ja, er ist da und bleibt da!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch