Wie Sankt Gallus in die Wildnis ging und ein Bethaus baute
Als Columban mit den Brüdern fortgezogen war, schied auch Gallus von dem Ort, wo er mit ihnen geweilt, und fuhr seinen Kahn mit seinen Netzen über den See nach Arbon zum Priester Willimar, dass er bei ihm Haus und Obdach suche, und da er ihm sein Netz übergeben, bat er um Pflege und Beistand. Gastlich empfing Willimar den heiligen Gallus, und er gebot zweien Brüdern Maginold und Theodor, dass sie mit allem Fleiss ihn pflegten. Und über etliche Tage so hatte die Krankheit sich gemildert, so dass er wieder zu Kräften kam und endlich gesund ward. Gallus aber hatte im Sinn, sich an einem einsamen Orte niederzulassen, um sich ganz dem Dienste des Herrn zu weihen. Nun hatte Willimar einen Kaplan, Hildibold genannt; der hatte Kundschaft aller Wege und Örter der Wildnis. Denn des Fischens und des Habichtfangs wegen durchstreifte er oft die Wälder ob dem See. Sankt Gallus sprach zu Hildibold: «Mein Sohn, hast du jemals in dieser Wildnis einen Ort gefunden gelegen ein Bethaus darauf zu bauen und eine Hütte für mich? Denn mein Herz sehnt sich nach Einsamkeit.» Da antwortete Hildibold: «Mein Vater! Diese Wildnis ist wilder Wasser voll, rauh und von himmelhohen Bergen umschlossen, hat tiefe Täler darin man irregehen kann, und mancherlei Getier hauset darin: Bären, wilde Schweine und reissende Wölfe. Ich fürchte, die möchten dich anfallen, wenn ich dich darein führen sollte.» Sankt Gallus aber sagte: «Ist Gott mit uns, wer kann uns da zuwider sein?» Da sprach Hildibold: «So wollen wir denn morgen ausziehen und in die Wälder und die Berge dringen, ob wir finden, was du suchst. Das helfe Gott.»
Morgens vor Sonnenaufgang machten Sankt Gallus, der Knecht Gottes und Hildibold sich auf den Weg. Und wie sie also dreimal die dritte Stunde des Tages dahingezogen, sprach sein Gefährte. «Vater, es ist Essenszeit, lasset uns mit Wasser und Brot uns etwas erquicken, damit wir weiter fortkommen mögen.» Sankt Gallus aber antwortete: «Tue nach deiner Notdurft, mir soll nichts in den Mund kommen, bis Gott mir den Ort meiner Wohnung kund getan. » Darauf der Gefährte: «Wie wir das Leiden gemeinsam haben, also wollen wir auch miteinander dieses Trostes leben.» Auf dies Gespräch setzten sie ihre Wanderung fort und kamen an ein Wasser, Steinach genannt. Sie gingen dem Bach nach aufwärts und trafen einen Felsen an, daraus das Flüsslein mit Gewalt entspringt. Da| sahen sie viele Fische, warfen ihre Netze aus und haben viele gefangen. Sie machten ein Feuer an, daran Sankt Gallus die Fische briet und legte Brot daneben.
Dass er für sich allein bete, war der heilige Gallus seitab gegangen von seinem Gefährten und blieb mit einem Fuss im Dornbusch hängen und fiel zur Erde. Das sah sein Geselle, er eilte zu ihm und wollte ihm helfen. Sankt Gallus aber sprach: «Lass mich bleiben, das ist meine Rast zu ewigen Zeiten, da will ich wohnen, denn diesen Ort habe ich mir zur Wohnstatt auserwählt.» Nachdem er aufgestanden vom Gebet, nahm er einen Stecken von einer Haselstaude, machte ein Kreuz daraus, steckte es in das Erdreich und hing daran eine Kapsel mit den Heiligtümern der heiligen Jungfrau, des heiligen Desiderius und des Herzogs Mauritius. Da dies geschehen, rief er seinen Wegweiser, und beide knieten zum Gebete nieder, bis die Sonne niederging, und es dunkel wurde. Dann fingen sie an zu essen, was sie bei sich hatten, und legten sich eine kleine Weile zu ruhen.
Aber in der Nacht, da Sankt Gallus meinte, sein Gefährte wäre entschlafen, stand er auf und legte sich mit ausgestreckten Armen auf die Erde vor jenes Kreuz und bat Gott, dass er ihm helfe bei seinem Vorhaben. Da kam ein Bär vom Berg herab, ass die Brosamen, die ihnen beim Nachtmahl entfallen, fleissig auf und kam heran und hielt St. Gallus seine Tatze hin, darin ein grosser Dorn stak. Gallus zog dem Bären den Dorn aus und sprach zu ihm: «Ich gebiete dir im Namen des Herrn, nimm Holz und trag es in das Feuer.» Der wendete sich auf dies Gebot und trug ein starkes Holz herbei und warf es in das Feuer. St.Gallus aber ging zu seiner Tasche, gab ihm ein ganzes Brot daraus und sprach: «Im Namen unseres Herrn Jesu Christi verlasse dieses Tal und halte dich auf Berg und Bühl, dass du weder Menschen noch Vieh Schaden tust!» Der Bär aber führte Gallus zu einer Balm, unter der sich eine Menge wilden Honigs fand. Hildibold aber sprang auf und warf sich vor Gallus auf die Knie: «Jetzt weiss ich», sprach er, «dass der Herr mit dir ist, da selbst die Tiere des Waldes dir gehorsam sind.» Doch Gallus verbot ihm, vor ihm zu knien und jemand ein Wort von dem zu erzählen, was er gesehen, bis grössere Wunder er geschaut.
Jener Bär aber blieb dem heiligen Manne treu und hat ihm später Steine und Stämme zugetragen, dass er das Bethaus baue und eine Hütte für sich.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch