Wie Sankt Gallus böse Geister verjagte
Als es Morgen geworden war, sprach Hildibold zu Sankt Gallus: «Mein Vater, was willst du, dass wir heute tun?» Gallus antwortete und sprach: «Mein Sohn, sei mir nicht böse, wenn ich dich bitte, dass wir heute noch hier bleiben. Nimm deine Netze und geh an den Bach. Ich folge dir bald. Vielleicht, dass wir mit Gottes Gunst unserem Gastgeber von dem Segen dieser Gegend ein Geschenk mitbringen mögen.» Hildibold sprach: «Es geschehe nach deinem Willen», erhob sich und ging an den Bach, das Netz auszuwerfen. Siehe, da zeigten sich ihm zwei Geister, die standen in Weibergestalt am Ufer, nackt, als ob sie baden wollten, und zeigten schamlos ihre Blösse. Sie warfen mit Steinen nach ihm und schrien: «Warum hast du den argen Mann in unsere Wildnis geführt? Er ist ungerecht und übermächtig und tut uns nur Böses.» Da lief Hildibold zitternd vor Angst eilends zu Gallus zurück und meldete ihm was ihm zugestossen war. Gallus aber hob die Hände gen Himmel auf zu Gott und betete: «Jesus, Christus, du unser Herr und Gottes Sohn, ich flehe zu dir: heisse die Geister von diesem Orte weichen, dass er dir zu Ehren geheiligt werde.» Dann gingen sie selbander an den Bach zurück. Die Geister aber entflohen heulend und klagend den Lauf des Baches hinauf auf den Gipfel des Berges. Der Heilige aber rief ihnen nach: «Ihr Truggeister, ich gebiete euch im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, dass ihr von diesem Orte in die Wildnis entweichet und euch niemals wieder hier blicken lasset.»
Dann legten sie ihre Netze aus und fingen eine Menge Fische. Als sie diese herauszogen, hörten sie von der Bergeshöhe her die Stimmen zweier Weiber, die wehklagten über die gefangenen Fische als über ihre toten Kinder und schrien: «Was sollen wir tun? Wohin sollen wir fliehen? Um dieses Fremdlings willen können wir nicht unter den Menschen und nicht in der Einöde hausen.» Auch nachmals noch, als Hildibold dreimal seine Netze ausgeworfen, um Hechte zu fangen, hörte er von dem Berge, der Himmelsberg heisst, die Geister laut klagen und fragen: «Ist Gallus noch in der Wildnis?» Und als er laut und kräftig in den Wald hinaus zurückrief: Ja, ist da, und er bleibt da!», hörte er noch eine Weile ein Knurren und Winseln, das in der Ferne allmählich erlosch.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch