Wie Sankt Gallus die Tochter des Herzogs Kunzo heilte
Einst erhielt Willimar ein Schreiben von dem Herzog Kunzo, er solle über zwölf Tage mit Gallus zu ihm nach Überlingen kommen. Fridiburgis, seine einzige Tochter, sei von einem bösen Geiste besessen, und er wisse sich keinen Rat. Willimar, dem Wunsche des Herzogs gefügig, wollte Gallus mit sich nehmen. Dieser aber weigerte sich und sprach: «Das ist dein Weg und nicht meiner. Geh du hin! Was habe ich mit den Grossen dieser Welt zu schaffen? Ich will zurückkehren in die Einsamkeit.» Und also tat er und verbarg sich in einer Höhle. Aber Willimar, dem Befehle des Herzogs erbötig, ging aus, dass er Gallus zurückhole, und fand ihn in seiner Verborgenheit. Er trat zu ihm und sprach: «Fürchte dich nicht, mein Vater, zum Herzog zu gehen, er hat geschworen, dir kein Leid zu tun. Du sollst nur deine Hand auf das Haupt des Mädchens legen und zu Gott beten, dass er sie heile. Wenn du sie heilst, will er dir das Bistum Konstanz geben.» Gallus versprach, er werde am nächsten Tage sich aufmachen und zu Willimar zurückkehren, dass er mit ihm zum Herzog gehe. Und also tat er. Wie er nach Arbon kam, fand er einen neuen Boten des Herzogs bei dem Priester vor. Der sagte, er solle schleunigst kommen, das Mädchen habe schon seit dreien Tagen keinen Bissen mehr genossen. Da bestiegen Willimar und Gallus ein Schiff und kamen in der Nacht zum Herzog. Als es Morgen wurde, ging der Herzog mit ihnen in das Frauengemach. Dort sass die Mutter und hielt ihre Tochter wie eine Tote in den Armen, und eine Menge Diener stunden dabei und warteten voller Angst, was weiter sich begeben werde. Der Heilige betete eine Weile, dann nahm er das Mädchen bei der Hand und richtete es auf. Er legte ihm seine Hand aufs Haupt und hiess den bösen Geist in den Abgrund fahren. Da blickte die Jungfrau ihn mit weit offenen Augen an und war zur Stunde genesen. Sie stand auf, und der Mann Gottes gab sie ihrer Mutter zurück. Der Vater war voller Freude und machte ihm die kostbarsten Geschenke.
Er wollte Gallus auch das Bistum überantworten, aber Gallus wies es zurück und sprach:
«Solange Columban lebt, darf ich keine Messe lesen und kann darum auch nicht Bischof sein. Wenn du mich aber von dem Banne befreien willst, so sende einen Boten an meinen Meister. Wenn er mich losspricht, will ich mich dir willfährig zeigen.»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch