Mutabor Märchenstiftung

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Wie Sankt Gallus des Bannes ledig wurde

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Legende

Gallus war in die Einsamkeit zurückgezogen und hatte ein Bethaus gebaut und geeignete Wohnstätten für sich und seine Brüder errichtet, denn mit zwölf Gefährten wohnte er beisammen und befolgte in allem die Klosterregel des heiligen Columbanus.

Aber an einem Sonntag nach der Mette, als sie wieder ihr Lager aufgesucht hatten, rief der Mann Gottes beim ersten Tagesschein den Maginold und sprach: «Geschwind steh auf und bereite alles vor, dass ich die Messe lesen kann.» Jener antwortete: «Was höre ich, Herr? Du willst die Messe lesen?» Darauf erwiderte Gallus: «Mir ist heute Nacht geoffenbaret worden, dass Columban, mein Lehrer, von dieser Welt geschieden ist. Darum will ich die Totenmesse für ihn lesen.» Alsbald ward die Glocke geläutet. Die Brüder versammelten sich, und das Totenamt für Columbanus wurde gehalten. Als es zu Ende war, sprach Gallus zu Maginold: «Lass es dich nicht verdriessen, mein Sohn, eile nach Italien, gehe ins Kloster Bobbio und erfrage, was mit meinem Abt sich begeben hat. Und wenn du hörst, dass er gestorben ist, so merke dir genau Tag und Stunde seines Todes und melde es mir ungesäumt.» Maginold, dem dieser Auftrag Mühe schuf, erwiderte, er wisse weder Weg noch Steg in jenem Lande. Aber Gallus sprach: «Geh getrost, mein Bruder, und fürchte dich nicht. Gott wird deine Schritte lenken.»

Und also schied Maginold mit seinem Segen und gelangte nach glückhafter Reise schliesslich ins Kloster Bobbio. Und es fand sich, dass alles so war, wie sein Meister es im Traum geschaut. Er blieb eine Nacht bei den Brüdern, und diese gaben ihm einen Brief, in dem alles, was Columbanus betraf, genau geschildert war. Gleichzeitig überreichten sie ihm den Stab, den der Verstorbene geführt und sprachen: «Unser Meister hat uns befohlen, als er noch lebte, dass dieser Stab nach seinem Tode Gallus übergeben und er dadurch vom Bann gelöst werden sollte.» Und als Maginold am achten Tag darnach mit Gottes Hilfe wohlbehalten zurückgekehrt war, übergab er er seinem Herrn und Meister Brief und Stab. Und Gallus hielt ein feierliches Hochamt für Columbanus Seelenheil.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch