Wie Sankt Pirmin den Heiligen Vater beschämte
Pirmin war einst nach Rom gegangen, um zu geeigneter Zeit der Schwelle der heiligen Apostel zu nahen. Bei einem frommen Manne hatte er Unterkunft gefunden und machte auf dessen Rat betend die Runde an den sämtlichen Altären. Als er nun an die heilige Ruhestätte des Apostelfürsten gekommen war, sah ihn der heilige Vater und fragte die bei ihm waren, wer der Mann sei und woher er komme. Sie sagten, es sei ein Priester, der aus Irland gekommen sei. Da sprach der Papst: «Vor solchen Menschen müssen wir uns hüten.» Derweilen kniete der heilige Pirminius andächtig an dem Grabe des heiligen Apostels nieder. Seinen Pilgerstab aber stellte er auf den glatten Steinboden und lehnte ihn nicht an. Der Stab aber blieb in der freien Luft aufrecht stehen, bis der Mann Gottes sich wieder von den Knien erhob und ihn wieder in die Hand nahm. Gott wollte offenbar, dass die Heiligkeit des Mannes, von der die Menschen nichts wussten, kundgetan werden sollte durch die Elemente, die ihm dienstbar waren. Dies Wunder erschütterte den Papst aufs heftigste. Eilends schritt er dem Heiligen nach und bat ihn, dass er die Worte ihm verzeihe, die er aus Unwissenheit über ihn gesprochen, dieweil er ihn, ehe das Zeichen sich begeben, nicht als den erkannt, als den ihn Gottes Wille offenbarte. In Demut nahm der Gottesmann die freundliche Bitte des Papstes auf. Und beide umarmten einander und gaben sich den Bruderkuss und liessen sich zum Gespräche nieder.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch