Der Zauberknoten
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Erzählt von Rudolf Baumann in Oberländer Mundart
Zwischen Lauterbrunnen und dem Kiental liegt die Sefinenalp. Auf dieser Alp geschah einmal etwas Seltsames: Es war in einer Sommernacht. Die Sennen und Alphirten hatten die Kühe schon längst gemolken und im Stall festgebunden. Plötzlich wurde es um Mitternacht laut. Die Kühe begannen zu muhen, zu stampfen und an ihren Seilen zu zerren, sodass die ganze Hütte knarrte. Als die Sennen am nächsten Morgen den Stall betraten, waren zwei Kühe ganz in ihren Seilen verwickelt. Der Knoten im Seil war jedoch so fest, dass keiner der Älpler ihn lösen konnte. «Da hilft gar nichts – wir müssen das wertvolle Seil mit dem Messer zerschneiden»!, sagten sie. Zu allem Ärger gaben die Kühe an diesem Morgen kaum Milch. In der nächsten Nacht geschah dasselbe, und so weiter jede Nacht. Kein Schimpfen und Fluchen half, die Knoten mussten jeden Morgen aufgeschnitten werden, und bald gab es kaum noch eine Kuh, die genügend Milch gab.
Als sie schliesslich im Spätsommer mit den Kühen ins Tal gingen, sagten sie: «Wir gehen da nicht mehr hoch. Da oben geht ein Alpgeist um, der jede Nacht die Seile verknotet!»
Da gab es nur eine Lösung: Ein Mönch musste den Alpgeist vertreiben. Als die Kühe im nächsten Jahr auf die Sefinenalp getrieben wurden, stieg ein Kapuzinermönch aus Unterwalden mit den Sennern hinauf. Er kam arg ins Schwitzen und Keuchen, bis er oben war. Doch dann begann er mit seiner Kunst. Er betrat den Stall und sprach:
Gott soll uns decken
Gott soll uns wecken.
er gebe uns sechs Engel,
zwei zum Kopf hin
zwei zu den Füssen
und zwei neben uns.
Gott bewahre uns vor Gefahren
vor unglücklichen Stunden,
und allem, was uns Böses will.
Amen
Der Kapuziner blieb über Nacht in der Hütte und hörte in der Nacht das Muhen und Stampfen. Als er am nächsten Morgen in den Stall kam, waren wieder zwei Kühe in den Seilen verknotet. Da nahm der Mönch ein Tannenholz, sprach einen Segen und schlug dann auf den Knoten, der daraufhin wie von selbst aufsprang. Danach bohrte er in alle vier Ecken der Alphütte ein Loch, steckte einen Zettel mit einem Gebet hinein und verzapfte die Löcher wieder. Von diesem Zeitpunkt an war die Sefinenalp erlöst von dem bösen Geist, und die Kühe standen wieder zufrieden angebunden in ihren Seilen und gaben süsse, nahrhafte Milch.
Ja, den richtigen Zauber muss man kennen!
Neu erzählt von D. Jaenike, nach: H. Michel, Ein Kratten voll Lauterbrunner Sagen. Wengen 1936, unter dem Titel: Zwei Kühe in einer Seili, © Mutabor
Wissenswertes
Die Herstellung von Seilen war früher sehr aufwändig und umfasste zahlreiche Arbeitsschritte. Ein Seil war deshalb sehr wertvoll und wurde nur im Notfall durchtrennt. Um ein unheimliches Problem, wie hier den Zauberknoten, zu lösen, bat man oft einen Fremden zu Hilfe, der dann mit seinen eigenen Mitteln zu einer Lösung beitrug.