Das Kraut gegen die Pest
Erzählt von Roberto Schenker in Oltner Mundart
Vor einigen hundert Jahren wurden die Menschen im Solothurnischen immer wieder von der Pest geplagt. Die Menschen wussten nicht, wie sie sich vor der Krankheit schützen sollten. Manche flüchteten in abgelegene Orte in der Umgebung, andere beteten und hofften auf den Beistand der Heiligen. So erzählt man sich, dass eine alte Frau einmal auf einen Berg nah bei Olten stieg, um sich dort vor der Krankheit in Sicherheit zu bringen. Sie war schon ganz schwach und meinte auf einmal einen Hirten zu sehen, der oben auf dem Hügel die Schafe weidete. Ihr schien, als würde er auf einen Baum zeigen, der in der Nähe stand. Die Frau ging auf den Baum zu, da sah sie einen kleinen Vogel auf einem Ast sitzen. Er sang und zwitscherte wunderbar und auf einmal war es der Frau, als hätte der Vogel eine Botschaft für sie, denn er sang:
Tirili, tirilli
Trinkt Odermennig
Dann sterbt ihr nie
Tirili, tirilli
Die Frau schaute sich um und wirklich, unter dem Baum wuchs Odermennig. Sie pflückte davon, legte das Kraut in ihre Schürze und schaute nach dem Vogel. Doch der war fortgeflogen. Und der Hirte mit seinen Schafen? Der schien auf einmal Richtung Himmel zu wandern und die Schafe wurden zu Wolken.
“Das war ein Zeichen des Himmels”, dachte die alte Frau. Sie brachte den Odermennig zu den Kranken und wirklich, sie wurden gesund und endlich war die schlimme Zeit der Pest überstanden.
“Das muss ein Engel gewesen sein, der der alten Frau erschienen ist”, sagten die Leute und nannten den Berg fortan Engelberg.
Neu erzählt von D. Jaenike, nach: Die Pest in Olten, aus: Quelle: P. Keckeis, M. Kully, Sagen der Schweiz. Solothurn, Zürich 1987. © Mutabor
Interessant zu wissen
In den vergangenen Jahrhunderten plagte die Pest die Menschen immer wieder, vor allem Orte an wichtigen Handelswegen waren betroffen. In vielen Sagen wird der Odermennig als Heilkraut gegen die Pest genannt. Auch wenn kein einzelnes Heilkraut die Pest heilen konnte, haben heimische Heilkräuter wie der Odermennig mit ihren Gerb- und Bitterstoffen sicher dazu beigetragen, dass die Überlebenden wieder ganz gesund wurden.