Hans Rotzer
Erzählt von Barbara Keiser in Obwaldner Mundart
Im Melchtal in Obwalden erzählt man sich von Hans Rotzer, dem Starken. Als er jung war, da war das noch ganz anders. Jeder andere war stärker als er und beim Schwingen durfte er gar nicht mitmachen. Es heisst, dass er einmal in seiner Verzweiflung rief: «Nur der Teufel kann mir helfen». Da kam der Teufel zu ihm und sagte: «Ich mache dich zum stärksten Mann weit und breit. Aber wenn du alt bist und stirbst, gehört deine Seele mir.»
Hans willigte ein und war schon bald der stärkste Mann in ganz Obwalden und Schwingerkönig noch dazu.
Damals musste man das Salz von Sarnen in Melchtal tragen. Das war eine schwere Arbeit. Hans aber nahm gleich zwei Fässer auf einmal auf den Rücken und lachte noch dabei. Als man die grossen Marmorblöcke von Melchtal nach Sachseln bringen wollte, um die Säulen der Pfarrkirche zu bauen, musste jede Gemeinde die stärksten Männer schicken. Hans Rotzer aber trug die Blöcke ganz allein durch das Melchaatobel. Als einer der Blöcke ins Rutschen kam, da stemmte er einfach seinen Fuss dagegen und rettete so den wertvollen Stein. Einmal wetteten die Arbeiter, wer zuerst in Sachseln sei. Hans kam heftig ins Schwitzen mit all den Marmorblöcken auf dem Rücken, doch er kam als Erster an. Seinen Fussabdruck aber sieht man bis heute auf der Kuhmatt.
Hans trieb mit seiner Kraft viel Schabernack. So nahm er einmal im Winter das Pferd des Pfarrers auf die Schultern und stellte es bei sich wieder ab. Der Pfarrer suchte das Pferd verzweifelt und fand keine Fussspuren. Lachend brachte Hans ihm das Pferd zurück und verlangte dafür eine ordentliche Mahlzeit. Wegen seiner Bärenkräfte war Hans nämlich immer hungrig. Er kochte sich sein Essen in einem Käsekessel und ass so viel, dass er seinen grossen Gurt nach dem Essen gleich zehn Löcher weiter machen musste.
Wegen seiner Kraft wurde Hans ein reicher Mann. Das gefiel nicht allen, vor allem weil Hans beim Heuen die grössten Stapel an sich raffte und beim Schwingen jedes Preisgeld nach Hause trug. Als er schliesslich alt wurde und starb, da holte der Teufel seine Seele und Hans geisterte im Melchtal und den umliegenden Alpen herum. Die Leute sagten dann: «Hans Rotzer geht um, es gibt schlechtes Wetter!»
Die Leute hatten Mitleid mit dem Verstorbenen und liessen oben auf der Alp Walsli zehn heilige Messen lesen. Da hörte man einen Seufzer und seitdem hat man Hans Rotzer nicht mehr gesehen.
Neu erzählt von D. Jaenike, nach mehreren Erzählungen aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924, © Mutabor
Wissenswertes
Hans Rotzer hat es wirklich gegeben. Er lebte im 17. Jahrhundert als Hans von Rotz im Melchtal und war für seine grosse Körperkraft bekannt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er zur Sagenfigur, über die man sich viele Geschichten erzählte. Die Marmorsäulen in der Kirche von Sachseln kann man heute noch sehen.