Ueli Rotach und die Heldinnen vom Stoss
Erzählt von Valeria Küng in Appenzeller Mundart
Über den starken Appenzeller Ueli Rotach gibt es viele Geschichten. Eine davon erzählt von der Schlacht am Stoss. Im Jahr 1405 wehrten sich die Appenzeller gegen die Österreicher, die einen Krieg angezettelt hatten. An einem regnerischen Tag rückten die Soldaten von Herzog Friedrich immer weiter zum Stoss vor. Auch die Letzimauer konnte sie nicht aufhalten. Als sie diese Talsperre durchstießen, war ihr Siegesgeschrei zu hören. In diesem Augenblick griffen jedoch die Appenzeller an, verstärkt durch ihre Freunde aus Schwyz und Glarus. Die schwer bewaffneten Österreicher verloren auf dem rutschigen Boden den Halt und die Appenzeller konnten sie zurückdrängen. Unter den Appenzeller Hirten war auch Uli Rotach. Er war so groß und mutig, dass er es mit zwölf Soldaten gleichzeitig aufnahm. Sie umzingelten ihn bei einem Heugaden. Genau dort fiel einem der Gegner ein, die Hütte in Brand zu stecken. Das Feuer loderte, doch Ueli Rotach kämpfte weiter. Schließlich stach ihn eine Lanze von hinten, sodass er in die Knie sank und starb. „Ueli Rotach ist tot!”, riefen die Appenzeller Hirten einander erschrocken zu. Ohne den starken Kämpfer schienen sie verloren.
Doch in diesem Augenblick erschien oben auf dem Stoss eine neue Schar von Helfern. In Hirtenhemden gekleidet, kamen sie wild schreiend den Berg hinunter. Die Österreicher ergriffen die Flucht. Sie rannten so schnell sie konnten davon. Bald war klar: Die Appenzeller hatten die Schlacht am Stoss gewonnen. Als sich die tapferen Kämpfer aufgerappelt hatten, um ihren Helfern zu danken, mussten sie etwas entdecken. Die Schar der Kämpfenden war niemand anderes als ihre Frauen und Töchter, die ihnen in Hirtenhemden gekleidet zu Hilfe geeilt waren. Nun brach großer Jubel aus, die Männer umarmten ihre Helferinnen und sie feierten ein prächtiges Fest. Es heißt, dass die Appenzeller noch heute stolz auf ihre mutigen Frauen sind. Vielleicht tragen deshalb die Appenzellerinnen bis heute eine der schönsten Trachten.
Neu erzählt von D. Jaenike, nach: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915, © Mutabor
Wissenswertes
Ueli Rotach ist ein Appenzeller Held, der zwar in keiner Chronik auftaucht, in den Sagen aber stellvertretend für die damaligen Kämpfer steht. Verewigt ist er auf dem Relief am Appenzeller Rathaus. Der Stoss war oft Schauplatz von Kämpfen, die Bunker und Barrikaden aus dem zweiten Weltkrieg sind heute noch zu sehen.