Sankt Meinrad
Der heilige Meinrad war Bruder im Kloster oben am See. Aber er gedachte, wie er Gott einsam in Wüste und Wildnis dienen und sein Leben also beschliessen möchte. Nun ward ihm von dem Landvolk berichtet, dass jenseits des Sees ein hoher Berg wäre, der Etzel genannt, und hinter dem Berg eine grosse Wildnis und Einöde im finstern Wald. Nun ward ihm seine Begierde also gross, dass er einst zu einem jungen Mönche sprach: «Lieber Sohn, lass uns
Über den See fahren in die Wüste und Wildnis, dass wir in den Bächen fischen, die in der Einöde rinnen.» Der Bruder sprach: «Ja, Herr.» Also fuhren sie in einem Schifflein über den See. Da nahmen sie einen Knaben, der führte sie. Und sie liessen ihre Gewände am Ufer, dass sie nicht zerrissen, und kehrten sich gegen den Wald an einem Wasser aufwärts und huben an zu fischen durch das Wasser bis an ein ander Wasser. Und als sie in den Bächen gingen, da sprach der junge Mönch: «Herr und Meister, wir haben der Fische genug.» Und wann der junge Mönch also sprach, so antwortete Sankt Meinrad allewege: «Wir haben nicht genug.» Das aber tat er darum, weil er einen Ort suchte, der ihm gefällig wäre, dass er daselbst wohne. Und als sie bis an den dritten Tag gegangen, kamen sie in den finstern Wald. Die Stätte gefiel ihm wohl, so wohl, dass er in seinem Herzen dachte: Das ist die Stätte, wo ich mein Leben verzehren will. Darnach kehrten sie um, und Sankt Meinrad sprach zu dem jungen Mönch: «Nun haben wir der Fische genug.» Und sie stiegen den Berg wiederum hinab und fuhren heim in ihr Kloster.
Fortan aber hatte Sankt Meinrad keine Ruhe mehr, sondern Sinn und Gedanken stunden ihm täglich nach der Einöde. Also nahm er Urlaub von seinem Abt, befahl sich Gott und kehrte sich von dem Kloster. Er fuhr über den See und ging allein auf den Berg in den finstern Wald, baute sich eine Klause, darin er sich aufhielte und Gott dem Herrn unablässig mit Fasten und Beten diente. Im Walde aber sah er einmal eines Raben Nest auf einem Baum, darin lagen zwei junge Raben. Er nahm sie in seinen Mantel, trug sie nach Hause und zog sie auf mit täglicher Speise aus seiner eigenen Hand. Da er nun also sieben Jahr auf dem Berge gewohnt, kam täglich viel Volks zu ihm, ihn heimzusuchen und seine Ermahnung anzuhören.
Da sich nun Sankt Meinrad also in seiner Wohnung sesshaft gemacht und fünfundzwanzig Jahre in dem finstern Wald gewesen und Gott dem Herrn stetig gedient, kamen zwei lasterhafte Buben an den See, der eine mit Namen Reinhart, der andere hiess Petrus. Diese beiden verruchten Menschen, dieweil sie viel von Sankt Meinrads Leben und Wandel vernommen, überredeten sich selbst, dass der heilige Mann viel verborgen Geld und Gut unter den Händen habe, und so fragten sie fleissig nach dem Weg zu des Einsiedlers Zelle und sagten, sie wollten ihn heimsuchen und ihre Andacht allda verrichten, fuhren vor Tag über den See und eilten über den Berg in den finstern Wald hinein, gingen lang hin und her, von der rechten Strasse irrend und nach langem kamen sie zu der Zelle des heiligen Mannes. Wie sie aber in den Wald kamen, da flogen die beiden Raben, die Sankt Meinrad aufgezogen hatte, mit lautem Gekrächze auf, als wären sie von einem Raubtier aufgescheucht worden, und stachen auf sie ein, und schrien also sehr, dass davon der ganze Wald widerhallte. Darob entsetzten sich die bösen Buben und verstummten.
An eben diesem Morgen stund Sankt Meinrad am Altar und las die Messe. Da trat ein Engel Gottes zu ihm und sprach: «Meinrad,dir entbeut Gott der Herr durch meinen Mund, dass dir heute das ewige Leben wird gegeben. Darum sei getrost und verzage nicht und leide geduldig um Gottes willen. Denn Gott der Herr wird bei dir sein in allen deinen Nöten.» Darob erschrak der heilige Mann gar sehr seiner Menschheit. Dann aber ward sein Geist mannlich und willig. Und als er die Messe vollbracht, legte er sich mit kreuzweis zertanen Armen vor dem Altar nieder und bat Gott, dass er ihn stärke für sein selig Ende. Darunter kamen die beiden üblen Gesellen vor die Zelle und die Raben taten gar greulich. Die Mordbuben pochten hart an die Pforte und riefen, dass man ihnen öffne. Da erschrak Sankt Meinrad noch ärger und bat Gott um Gnade und liess sich des Klopfens nicht irren, sondern verharrte im Gebet bis zu Ende. Die draussen aber schrien abermals, dass man ihnen auftun solle, oder sie wollten die Zelle verbrennen. Also stand Sankt Meinrad auf, nahm ein Brot in die eine Hand und einen Becher Weines in die andere, tat die Türe auf und trat starkmütig zu den Mördern hinaus, grüsste sie freundlich und sprach: «Warum habt ihr nicht geeilet, die Messe anzuhören, dass ich Gott den Allmächtigen hätte können für euch anrufen? Geht aber noch hinein und betet zu Gott und seinen Heiligen, dass sie sich gegen euch gnädig erzeigen, und kommt dann wiederum zu mir. Sitzet nieder und esset und trinkt, und dann vollbringt, wozu ihr hergekommen.»
Die Mörder gingen in die Kapelle hinein, als wollten sie beten, kamen aber bald wieder heraus. Der Mann Gottes gab ihnen seine Kleider und Röcke, reichte ihnen Brot und Wein und sprach: «Das nehmet von meiner Hand, wenn ihr aber euren Willen an mir erfüllet habt, so nehmet euch, was euch tauglich deucht. Eines aber begehre ich von euch: Wenn ihr mich getötet habt, dann zündet die zwei Kerzen an, die ihr da sehet. Und die eine setzet zu meinen Häupten und die andere zu meinen Füssen, dass meine Seele nicht von dieser Welt scheide ohne Licht. Dann aber gehet bald davon, auf dass ihr allda nicht ergriffen und um diese Übeltat bestrafet werdet.» Aber diese Rede wirkte nichts anders bei den zwei Mördern, denn dass sie riefen: «Du böser Mönch, gib her Geld und Gut!» der eine, der mit Namen Reinhart, ergriff den heiligen Meinrad in der Mitte und rief seinem Gesellen zu, dass er auf ihn mit seinem Mordkittel einschlage. Als aber Petrus ihn lange um die Seiten, Waden und Schenkel geschlagen, so hart er konnte, und der Gemarterte seine Arme und seinen Ruf gen Himmel erhob, da schrie Reinhart dem Petrus zu: «Oh, du fauler Tropf, warum schlägst du ihn nicht auf den Kopf, dass er den Todesstreich empfange! Halt du ihn und lass mich schlagen!» Und er ergriff mit diesen Worten seinen Mordknittel und schlug Sankt Meinrad heftig auf das Haupt, dass ihm das Blut über die Füsse rann. Da sank der heilige Mann halbtot zur Erde, und alsbald fielen die Buben über ihn, griffen ihn bei der Gurgel und drückten, bis sie ihn endlich erstickten und erwürgten. Und mit dem war seine Seele ausgegangen, und die Engel führten sie vor Gottes Angesicht. Es ging aber mit seinem letzten Atem ein so lieblicher Geruch aus seinem Leibe, dass die ganze Zelle und der Wald davon erfüllet wurden, als wären allerlei duftende Kräuter und Spezereien allda ausgegossen.
Die beiden Mörder aber entblössten den Leichnam seiner Kleider, legten ihn auf sein Bett und deckten den blossen Leib mit einem Filztuch zu. Und einer sprach zum andern: «Zünd bald ein Licht an, wie er uns gebeten hat!» Und sie nahmen die zwei Kerzen, die eine stellten sie ihm zu Häupten, die andere aber trugen sie in die Kapelle, sie anzuzünden bei der Ampel, die allzeit brannte. Da sie aber wiederum zu dem Leichnam in die Kammer kamen, fanden sie die Kerze von dem himmlischen Licht brennend. Wie das die Bösewichter sahen, erschraken sie so heftig, dass sie sich nicht getrauten, etwas aus der Kapelle und vom Altar zu rauben. Und einer sprach andern: «O weh, wir haben übel getan an diesem heiligen Manne! Siehst du das Zeichen, das hier geschehen ist? Gott der Herr hat die Kerzen selber angezündet. Wohlauf, lass uns von hinnen fliehen!» Und alsbald flohen sie aus der Zelle und enteilten auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren. Aber da waren die beiden Raben da. Die flogen ihnen nach und kreischten und krächzten überlaut, denn sie hätten ihren Herrn gern gerächt, stachen und hieben aus allen Kräften nach der Mörder Köpfe und ziehen sie so der begangenen Übeltat.
Dieweil nun Reinhart und Petrus, die Mörder, die augenscheinliche Strafe Gottes vor sich sahen, liefen sie aus dem finsteren Walde eilends auf Wollerau zu, damit ihr Mord und das Geschrei der Raben weniger in acht genommen würden. Aber es wohnte zu Wollerau ein Zimmermann, welcher dem heiligen Mann vor Jahren das Häuslein, die Zelle und die Kapelle in dem finstern Walde aus Holz hatte zimmern helfen, und welchem Sankt Meinrad ein Kind aus der Taufe gehoben. Der stand vor seinem Hause und sein Bruder mit ihm. Wie nun der Zimmermann sah die beiden Raben mit solchem Geschrei auf der zwei Landstreicher Häupter schiessen und jene so eilends fliehen, da sprach er zu seinem Bruder: «Sind das nicht meines Gevatters Meinrad Raben? Dem werden die zwei Männer eine Unbill angetan haben, welche die Raben gern rächen wollen. Drum, lieber Bruder, geh du den Männern nach, wohin sie gehen, und spähe auf sie, so will ich in aller Eile in den finstern Wald laufen zur Zelle des heiligen Meinrad und lugen, wie es um ihn stehe.» Und das taten sie.
Als nun der Zimmermann in den finstern Wald gekommen, empfing er alsbald den guten, lieblichen Geruch, und je näher er zu der Zelle kam, je lieblicher sich der Geruch mehrte. Er ging also in die Zelle und fand den heiligen Meinrad tot und ermordet auf dem Bette liegen und beide Kerzen brennend ihm zu Haupt und Füssen stehen. Der Zimmermann erschrak, küsste den Leib des Toten, sprach sein Gebet davor und lief eilends aus dem finstern Wald gen Wollerau, zeigte den Seinigen den schändlichen Mord an und schickte seine Hausfrau und andere ehrbare Leute in den Wald, dass sie bei dem Leichnam sässen und wachten. Er selber aber eilte den Mördern nach und fragte alle, die ihm in den Weg kamen, ob jemand zwei Männer gesehen, auf die zwei Raben unablässig schreiend gestossen hätten. Da ward er in die Stadt Zürich gewiesen.
Endlich, da er Tag und Nacht gelaufen, fand er seinen Bruder und die beiden Mörder in einem offenen Wirtshause zu Zürich auf dem Markt, und die Raben waren auch gegenwärtig. Die schossen durch die Fensterscheiben und vollführten ein grausam Geschrei, stiessen den Mördern den Wein und die Speise auf dem Tisch um, kratzten und stachen sie unter die Augen und zerrten ihnen das Haar aus und niemand konnte ihrer Wut sich erwehren. Der Zimmermann sprach heimlich zu seinem Bruder: «O weh, lieber Bruder, es ist leider übel ergangen, unser Gevatter ist ermordet.» Da antwortete jener: «Wahrlich, ich hab’es mir wohl gedacht, dass den Dingen nicht recht sei, denn die Raben liessen nicht nach.» Und sie traten unerschrocken in die Stube, hielten die beiden Buben als Mörder an und überantworteten sie der Obrigkeit.
Die Übeltäter bekannten alsbald ihre Missetat und erzählten, wie der heilige Meinrad sie freundlich empfangen, was er mit ihnen und sie mit ihm geredet, desgleichen von dem lieblichen Geruch in dem Wald nach seinem Tod und von dem Wunderzeichen mit den Kerzen, die vom Himmel herab angezündet worden, und wie sie darob erschrocken und davongeflohen und die Raben sie verfolgt. Da rief der Richter die Bürger und richtete sie. Das ganze Volk erkannte zu Recht, dass man die beiden Mörder hinaus zur Richtstatt schleife, sie aufs Rad flechte und zu Asche verbrenne und die Asche in das Wasser des Flusses schütte.
Die Raben aber sind auch nicht von der Richtstatt gewichen, bis die zwei gestorben waren. Darnach flogen sie wieder in den finstern Wald.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch