Mutabor Märchenstiftung

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Wernhard von Strettlingen und der Teufel

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Es geschah zu einer Zeit, dass der Teufel vor die Burg Strettlingen zu Tor und Tür kam und klopfte an als ein Pilger und begehrte also um Sankt Michaels willen Herberg. Da er nun eingelassen ward so gab ihm Herr Wernhard, weil es bitter kalt war, seinen Mantel, der zwiefältig war und dazu neu, dass er sich damit decke. Da nun der Morgen kam, da war der Pilger weg und der Mantel auch. Die Frau des Herrn ward zornig und sprach zu ihrem Mann: «Du bist Mal für Mal von solchem Bubenvolk betrogen worden und kannst dich doch nicht hüten und hörst noch nicht auf, ihnen wohlzutun.» Der Herr antwortete seiner Frau und sprach: «Liebe Hausfrau, lass es dich so arg nicht bekümmern. Der lieb heilig Sankt Michael mag wohl dafür schauen, dass mir mein Schade ersetzt wird.»

Kurze Zeit darnach wollte Herr Wernhard durch ein Gelübde auf den Berg Garganum wallfahrten, allwo Sankt Michael seinen Tempel und feine Wohnung hatte. Da er sich nun zur Reise bereitet hatte und sich auf den Weg machen wollte, da nahm er den Segen seiner Hausfrau und zog von seinem Finger einen goldenen Ring. Den brach er in zwei Hälften und gab die eine seiner Gemahlin und die andere behielt er selbst und sprach also zu ihr: «Liebe Frau, dem Zeichen dieses halben Ringes sollst du glauben, und fünf Jahre geb’ ich dir Frist, dass du meiner sollst warten als eine fromme Frau.Sollte es aber geschehen, dass ich nach den fünf Jahren nicht wiederkomme, so magst du einen andern Mann nehmen, wenn du willst.» Sie versprach ihm, es also zu halten.          

Also fuhr Herr Wernhard eine lange Reise zu Sankt Michaels Kirche auf dem Berg Garganum und litt auf dem Weg und auf der Strasse viel Widerwart und Ungefäll. Da er nun dahin kam befahl er selbst, seine Hausfrau und alles, was er hatte, dem heiligen Michael und zugleich bat er um einen Teil von Sankt Michaels Mantel. Das ward ihm auch zuteil. Dann schied er von dannen und fuhr wieder heim.

Wie er aber durch Lamparten zog, ward er gefangen und in den Kerker geworfen. Also lag er vier Jahre und mehr in einem Turm. Nun bat er die ihn gefangen hielten wieder und wieder um Sankt Michaels willen, dass sie ihn gehen liessen, denn er habe ihnen kein Leides getan. Sie aber antworteten ihm und sprachen, sie wollten das nicht tun, es wäre denn, dass er ihnen einen grossen Schatz an Gut und Geld gäbe. Täte er das nicht, so müsse er allda gefangen liegen bis an sein Ende. Er aber sprach zu ihnen: «Das kann nicht sein, denn so grosses Gut habe ich nicht. Also sei zwischen mir und euch der heilige Erzengel Sankt Michael, dem ich mich befohlen habe.»

Und im selben, als er diese Worte sprach, gedachte er der fünf Jahre Frist, die er seiner Frau gegeben hatte, wieder heimzukehren. Die hatten nun ein Ende. Das betrachtete er in seinem Herzen gar inniglich und sprach: «O du würdiger heiliger Erzengel Sankt Michael, was soll ich nun tun und wie meine Sache anfangen? Meine Gemahlin nimmt nun einen andern Mann; denn die Zeit ist innen, dass ich es ihr erlaubt habe. Ich bitte dich, hilf mir jetzt in meinen Nöten.»

Als er nun also betrübt und traurig war, da sah er sich um in dem Turm, darin er gefangen lag, und erblickte den Teufel mit seinem Mantel, den jener ihm vormals aus seinem Haus zu Strettlingen mitgenommen. Und der Teufel sprach zu ihm: «Kennst du mich, Wernhard, wer ich bin?» Er antwortete ihm und sprach: «Ich kenne dich nicht; aber den Mantel, den du hast, den kenne ich wohl.» Da sprach der Teufel: «Ich bin der, der Herberg dazumal von dir geheischen und begehrt in deinem Haus zu Strettlingen um Sankt Michaels Willen, und der dir deinen Mantel wegtrug. Das tat ich darum, dass ich dich und deine Hausfrau zu Ungeduld und Unleidigkeit brächte und davon dich besitzen möchte. Aber Sankt Michael hat dich beschirmet, so dass ich das nicht vermochte. Darum bin ich gar sehr von meinem Obern gepeinigt und gestraft. Wisse, ich bin der Teufel und kein Mensch. Nun ist mir geboten von Sankt Michael an Gottes Statt, dass ich dich auf diese Nacht auf deine Burg führe zu Strettlingen; denn deine Frau hat einen andern Mann genommen, und mit demselben wird sie auf diese Nacht Hochzeit haben.»

Also nahm der Teufel Herrn Wernhard auf sich zu der Zeit, wo Tag und Nacht scheiden, und trug ihn auf sein Schloss zu Strettlingen ohn alle Gefährnis und Versehrung und liess dabei den Mantel, den er vormals dieblich hinweggetragen, bei ihm zum Gedächtnis der vergangenen Dinge.

Herr Wernhard ging durch den Hof seiner Burg als ein fremder Spielmann und Landfahrer, und so lud man ihn zum Hochzeitsmahl. Da er nun sah, wie seine Gemah einen andern Mann genommen und sie beim Essen waren und beieinander sassen, da trat er alsbald zu dem Tische und zog die Hälfte seines Ringes hervor, den sie geteilt hatten, als sie voneinander schieden, und liess den Reif ungesehen in ihren Becher fallen und trat zur Seite. Die Frau hub alsbald den Becher auf und sah den halben Ring auf dem Grunde liegen, nahm ihn heraus und fügte ihr Stück daran, und der Reif war wieder ganz. Da erkannte sie, dass ihr Gemahl heimgekehrt sei. Alsbald sprang sie vom Tische und fiel ihrem Mann und Herrn um den Hals und herzte ihn mit einem Kuss und tat also öffentlich kund, dass er ihr rechter Mann und Gemahl wäre. Also ward das Hochzeitsfest gewendet zu einem Fest der Freude über die Heimkehr Herrn Wernhards von Strettlingen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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