Der Zweikampf
Franken und Burgunder fochten einst widereinander in einer gewaltigen Schlacht. Auf beiden Seiten lagen schon viele erschlagen, und mehr noch waren schwertwund. Da riefen etliche von den Mannen: «Nicht wollen wir weiter fechten und uns erschlagen, dass unsere Weiber und Kinder Waisen werden! Aus jedem Volke trete ein streitbarer Mann hervor; der kämpfe für sein Heer, und welches Volkes Mann erliegt, das lasse vom Streite und fahre heim und sei dem andern untertänig!» Das gefiel auch den Fürsten und Herren gar wohl. Also traten die Völker auseinander, ein jedes auf einen Berg, und zwischen ihnen lag das tiefe Tal.
Und die Franken waren froh und voll Zuversicht; denn sie hatten einen einen gewaltig grossen Mann im Heer mit Namen Dodo, zween Männern wohl an Stärke gleich. Den sollte keiner zwingen. Der Kämpe trat hervor und rief: «Gebt mir einen Mann hervor, der mit mir allein fechte. Schlägt er mich, so sind wir eure Knechte; schlage ich ihn, so werdet ihr unsre Knechte.» Die Burgunder erblichen; denn unter ihrem Volke war nicht einer, der ihm gleich gewesen wäre.
Als der König von Burgund diese Worte hörte, liess er in allem seinem Volk und Heer ausrufen und sagen, ob jemand da wäre, der sich unterstünde, mit diesem Manne zu fechten. Wer das täte und den Widersacher überwinde, den wolle er reich machen und begaben mit grossem Gut und Geld, und dazu noch wolle er ihm seine Tochter zur Ehe geben. Aber nicht einer trat vor.
Da war im Heerbann der Burgunder Dietrich von Strettlingen, der mit Streitaxt und Schwert schon manchen Feind gefällt. Doch er war nur ein Gast; denn er diente nicht dem König von Burgund als dessen Eigenmann; sein Herr und König war der heilige Michael. Ihm zu Ehren focht er. Da trat der Burgunderkönig vor den Ritter und bat ihn, dass er allein für sein ganzes Heer kämpfe. Doch jener sprach: «Herr König, das stünde mir nicht wohl, ich bin ein fremder Mann. Wie solltest du auch mein bedürfen, wo dir so viele wackere Helden diensthaft sind?» Da riefen alle Edlen im Heere der Burgunder: «Lass alle Rede unterwegen, du bist unser aller Meister! Lass unsere Ehre nicht zum Spotte werden!»
Da erleuchtete Dietrich von Strettlingen die Gnade Gottes in seinem Gemüt. Er neigte sich und sprach: «Ich will mich unterstehn, für euch mit ihm zu fechten und zu streiten, Sankt Michael zu Ehren. Wohlan denn, so will ich mich wappnen.» Also ging er hin zu seinem Zelte und rüstete sich zum Kampf, dieweil die Ritter ihm einen Stuhl in den Kampfring stellten. Dann segnete er sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und befahl sich dem allmächtigen Gott, und bald kam er zum Kampfplatz geschritten, ganz in Eisen gekleidet. Er setzte sich auf den Stuhl und wartete seines Widersachers. Den schweren Schild stellte er neben sich; sein Schlachtschwert lehnte er daran, und ins grüne Gras legte er den Helm.
Und wie er also wartete, ergriff ihn ein harter Schlaf, dass er entschlummerte, und lag tief atmend, als der stolze Franke in goldener Rüstung den Kampfring betrat. Wie der seinen Feind also bereit und ruhig schlafen sah, da befiel ihn solche Furcht, dass ihm war, ein
Pfeil oder ein Strahl ginge ihm durch sein Herze, und er erhub die Stimme und sprach vor allem Volk: «Wenn der Mann wider mich schlafend ficht, wie wird er wider mich wachend fechten? Also biņ ich überwunden von ihm, da er so schlafen mag! Nicht geziemt mir dass ich mit ihm fechte.» Und bange staunte er den Schlummernden an vom Haupt bis zu Füssen. Der Anblick, den seine Augen schauten, nahm ihm den Sinn. Er brach in die Knie; das Schwert entfiel seiner Faust. Am ganzen Leibe bebend, deutete er über den Stuhl hinweg auf ein wundersam schrecklich Bild, das nur seine Augen schauten. Hinter dem Schlafenden stand flammenden Auges, die lichten Schwingen mächtig schlagend, mit erhobenem Speere der Erzengel Michael. Der fränkische Recke hob die Arme auf und rief:
«Sankt Michael, o schone mein
und schone meines Herrn!
Wenn du so dräust mit starkem Arm,
So sinket unser Stern.»
Und der König der Franken, seine Edlen und sein ganzes Volk, wiewohl sie nichts von dem Wunder sahen, fielen zu Boden, schreckgeschlagen. Laut auf aber jubelte das Volk der Burgunder. Da erwachte der Schläfer und erblickte die Reihen der Feinde wie tot zu Boden gestreckt auf der Walstatt. Er stund auf, erhob die Hände gen Himmel und rief: «Das tatest du, Sankt Michael!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch