Der Drache von Castiel
Vor alters, als im Schanfigg noch das Schloss Casteilum stand, hauste nah dabei im tiefen Tobel ein grauslicher Lindwurm; der verlegte den Weg durch das Tobel, und nur dadurch ward er besänftigt, dass alle Monat aus den drei Gemeinden Castiel, Calfreisen und Lüen ein Mensch ihm als Opfer gebracht wurde.
In jenen Tagen kam ein hünenhafter Mann mit seiner Tochter aus der Fremde über die Berge herein und ward in Lüen wohnhaft. Und bald kam wieder die Zeit, wo der Drache das gewohnte Opfer forderte, und diesmal traf das Los die Gemeinde Lüen und fiel just auf des Fremden Tochter. Der aber beschloss, den Drachen zu bestehen und sein Kind zu retten. Und am festgesetzten Tage schritt er dem Tobel zu, in der Rechten das blosse Schwert, an der Linken seine Tochter führend. Und bebend sah alles Volk dem Manne nach. Unerschrocken nahten sich der Fremde und seine Tochter dem Ungetüm. Der Drache schwang seine gewaltigen Schwingen und fuhr mit offenem Rachen gegen sie. Der Fremde warf ihm eine Allermannsharnischwurzel zu und stiess ihm schnell das Schwert in die Kehle, dort, wo der Hals nur spärlich von Schuppen bewehrt war, und ward also des Untiers Meister. Dann sank er auf die Knie und dankte mit erhobenem Schwerte Gott für den Sieg. Da fiel ein Tropfen Drachenblutes vom Schwert herab auf sein Haupt, und alsbald sank er tot zur Erde. Das Volk aber ehrte dankbar sein Andenken, und an dem Ort, wo der Kampf geschehen war, steht jetzt die Kirche von Castiel.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch