Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Das Drachenried

Land: Schweiz
Kanton: Nidwalden
Kategorie: Sage

Im Lande Unterwalden ob dem Dorfe Wyler zwischen dem Kernwald und dem Flecken Stans hauste in uralten Zeiten ein grosser Lindwurm, der konnte an gähen Felsen aufwärts laufen, als ob es eben wäre. Nun liegt ein grosses Ried und ebener Weidboden da. Dort legte der Wurm sich auf die Lauer und tötete alles, was herankam, Vieh und Menschen, also dass niemand mehr allda seine Wohnung haben durfte, und alles Land war öde, so dass der Ort den Namen Ödwyler bekam. Da war ein redlicher Landmann, der war ein Ritter, hiess Herr Struth von Winkelried. Er war alten Stammes und ein unverzagter Held, darum ihn Kaiser Friedrich zum Ritter geschlagen. Der hatte durch eine schwere Bluttat das Land verwirkt, dass er nicht darin wohnen durfte und es meiden musste. Aber eh dass er also im Elend leben müsse, so wollte er mit Gottes Hilfe den Drachen töten, damit er wieder zu Gnaden und in das Land kommen möchte, und er erbot sich, den Lindwurm zu töten oder sein Leben daran zu geben. Da wurden die Leute froh und erlaubten ihm wieder das Land. Da rüstete er sich zum Kampf. Er legte den Harnisch an, gürtete sein Schwert um und umwand seinen Speer mit einem Bündel rauher, scharfer Dörner, ging dahin, wo der Drache lag, und rief Gott an, dass er ihm beistehe. Nun lag der Drache in einem Loch hoch oben am Berg, dass er allerwegen erspähen möchte, was fern oder nah herkam. Als er den Mann ersah, kroch er rasch hervor und fuhr gegen ihn mit offenem Schlund. Da ging Winkelried ihn unverzagt an und stiess ihm den Speer in den Rachen mit aller Kraft, denn er war ein gar starker Mann, nahm schnell sein Schwert und schlug dem Wurm manche Wunde. Und Gott gab ihm Glück, dass er den Drachen überwand. Vor Freuden warf er seinen Arm mit dem Schwert gen Himmel auf. Da rannen des Wurmes Schweiss und Blut über das Schwert nieder, ihm an den Arm und auf die blosse Haut. Des musste er auch sterben. Aber das Land war erlöst.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch