Die Gründung des Fraumünsters zu Zürich
König Ludwig der Deutsche, Kaiser Karls des Grossen Sohn, hielt sich gern in seiner Pfalz zu Zürich auf. Er hatte zwei Töchter, Hildegard und Bertha, die waren gar fromm und dienten Gott Tag und Nacht. Oftmals baten sie ihren Vater, auch in Zürich, das bis zu dieser Zeit noch kein grosses Gotteshaus besass, ein Kloster zu bauen an dem Ort, wo des heiligen Stephan und Cyriacus Kapelle stund. Der König besah den Ort und fand ihn für solchen Bau zu eng und sumpfig. Also glaubte der König. Anders aber war der Wille Gottes. Denn siehe, am andern Morgen fand man allda ein grünes Seil ausgespannt von wunderbarem Stoffe, des Ort und Ursprung niemand erkennen konnte, zum Zeichen, dass Gott selbst, der himmlische Baumeister, eben diesen Platz für gut befunden. Also ward das Fraumünster erbaut nach dem Wunsche Hildegards und Berthas, König Ludwigs frommen Töchtern.
Der Vater hatte ihnen das Schloss Baldern oben auf der Albiskuppe unfern der Stadt als Wohnung gegeben. Von diesem Schloss wandelten oftmals später die Jungfrauen herab, um in der Klosterkirche zu beten, nicht morgens und abends nur zur Frühmette und Vesper, sondern oft sogar bei Nacht. Aber allemal, wenn sie aus dem Tor traten, da kam aus dem dunkeln Walde ein schneeweisser Hirsch, des Geweih wie flammende Leuchten den frommen Frauen den Weg schien bis zu dem Platz, wo das Gotteshaus stand.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch