Von Sankt Beat
Weit nach Westen zu am Lande des Ozeans liegt Irland, ein meerumspültes Eiland, ein fruchtbares, liebliches Band, unberührt von den Kriegen und Fehden der Völker. Dort wuchs, von adligen Eltern geboren, in einem reichen Hause, ein Jüngling heran, Suetonius geheissen, von edlem Wesen und schön von Gestalt und Angesicht. Den trieb der Geist der Frömmigkeit, die seine Seele füllte, dass er ablegte seine prächtigen Gewänder und all Zier und Schmuck von sich tat; er zog ein grobes härenes Hemd an seinen Leib und wanderte nach Asien hinüber, allwo in der grossen Stadt Antiochia der heilige Apostel Petrus selber den Glauben verkündete, und empfing die Taufe mitsamt dem Namen Beatus, das ist: der Selige. Er blieb bei dem Apostel als sein Jünger und hörte von ihm der Wunder und Geheimnisse des Glaubens viele und folgte ihm allerwegen nach, und so kam er denn auch mit ihm nach Rom. Hier ward er im vierzigsten Jahre seines Lebens zum Priester geweiht, indem Petrus seine Hand auf ihn legte und ihn segnete. Dann ward er ausgesandt nach dem Lande Helvetien, dass er den Heiden allda auf weiten Wanderungen verkünde das Wort des Lebens. Und seine Rede erleuchtete den Menschen Seele und Sinn, dass sie Kinder des Lichtes zu werden begehrten und die Taufe empfingen. Freiwillig rissen sie die Tempel ihrer alten Götter nieder und erbauten Altäre und Kirchen zur Ehre des einen allmächtigen Gottes, der Himmel und Erde erschaffen. Beatus aber verehrten sie als einen vielgeliebten Abgesandten Gottes.
Da fiel es Beat auf die Seele, ob es nicht gut und ratsam wäre, dass er das Predigen liesse und andern Gottesmännern auferlege, damit er selber, von allen Menschen abgesondert und aller Dinge ganz entäussert, Gott allein in der Stille an einem abgelegenen Orte dienen möchte und, der Welt entsagend, dem Leben abgestorben, lebenden Leibes schaue Gottes Herrlichkeit. Er nahm also seinen Stab und zog der Aare nach bergwärts, den Thunersee hinauf, bis er gen Unterseen kam, auf dem Boden zwischen Thunersee und Brienzersee gelegen, auch Inter lacus geheissen. Als er das Volk allda eine Weile unterwiesen, fragte er nach, sonderlich bei Schiffsleuten, ob wo ein einsamer Ort in dieser Gegend zu finden wäre, weit weg von Menschen und bebautem Land. Da wiesen sie ihm eine Einöde ennet dem See; da stieg gäh eine Fluh hoch in die Luft, den Felsenkopf gegen den Wind von Mittag gekehrt. Und in der Wand war ein Riss oder eine Krufft des Felsens. Darin aber läge ein ungeheurer Drache verborgen, ein grauser Wurm. Der täte schaden dem Vieh und brächte grosse Not dem Volk allum. Beatus aber sprach: «Die Erde ist Gottes und alles, was darinnen ist. Im Namen Gottes, des allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde, werde ich den Drachen vertreiben!» Und er bat, dass man ihn und seinen Gesellen Justus unten an diesen Berg führe.
Da forderte der Schiffmann nach altem Brauch den Fährlohn, aber Beatus hatte in seiner Armut weder zu geben noch zu versprechen; denn er hatte nichts als das schlechte Kleid auf seinem Leibe und das heilige Buch, daraus er Gottes Wort verkündete. Dies Buch wollte er dem Schiffmann geben, wenn er ihn übersetze. Der aber erbarmte sich seiner und wollte nichts von ihm nehmen, sondern führte ihn ohne Lohn über den See. Aber als sie hinauskamen aufs Wasser, da erhob sich plötzlich ein Sturm, und Wind und Wellen gingen mit Ungestüm. Beatus aber stand aufrecht im Boot und hob die Hand gen Himmel auf, und der See ward auf der Stelle ruhig und blank. Da sprachen die Schiffleute untereinander: «Wahrlich, dieser Mann muss ein rechter Knecht Gottes sein, dass ihm auch die Gewässer und des Windes Gewalt weichen; denn solche Stille haben wir nie erfahren auf diesem See.»
So kam Beat mit seinem treuen Gesellen an das Gestade und hiess die Schiffer wieder heimfahren. Dann klommen die Gottesmänner den Berg empor und fanden die Höhle, darin der Drache lag. Wie sie das Untier erblickten und schauten den feuerschnaubenden Rachen mit den grossen scharfen Zähnen, der gifttriefenden Zunge, die krummen, starken Klauen, den langen, geringelten Stachelschwanz, da schlug sie der starre Schrecken, also dass sie stillstanden und kein Glied mehr rühren konnten. Aber Beatus kam der Mut zurück. «Christus ist mein Helfer in aller Not», sprach er zu sich, «ich will verachten den Feind, dann kann ich nimmer zuschanden werden!» Und er machte das Zeichen des Kreuzes über den Wurm und gebot ihm zu weichen aus seinem Loch. Da hob sich der Drache fauchend und heulend von seinem Nest, flog an der Wand hinauf und schlug in seiner Wut mit seinem Schweife an die Fluh mit solcher Wucht, dass zum ewigen Wahrzeichen eines Drachen Bild darin zurückblieb. Dann fuhr er durch die Luft davon und zog weit weg in eine andere Einöde und blieb darin gebannt, von aller Menschen Wohnung für immer geschieden.
Beatus aber räumte die Höhle aus, bereitete sie zu seiner füglichen Klause, dass er hinfort die Tage seines Lebens allda verbringe. Seines Lebens Notdurft gewann er durch seiner Hände Arbeit; er knüpfte den Fischern Netze, flocht ihnen Reusen und Körbe aus Weiden und Binsen. Sie aber brachten ihm Brot und Fisch. Ein harter Laden war sein Bett, ein Stein sein Stuhl. Von seiner Höhle aus wanderte Beatus seeauf, seeab und verkündete Gottes Wort in den fernsten Tälern und an den höchsten Bergen. Mit dem Wasser des Baches, der aus dem Drachenloch floss, taufte er die Heiden zu Christen.
Einst besuchte Beatus das Dörflein Aeschi ennet dem See. Als er auf dem Heimweg den Hang hinunter zum Ufer schritt, zog er einen losen Zaunstecken aus, dass er ihn stütze als sein Stab. Er stieg in die Naue. Kaum aber war er ein Stück vom Ufer weg, da kam das Boot aus Waage und Richtung und drohte zu sinken. Jetzt kam dem Kopf zu Sinn, was der Arm getan. Geschwind kehrte er ans Land zurück und steckte den Pfahl ins alte Loch. Nun fuhr das Schifllein glatter Fahrt zur Höhle.
Allabend, wenn Beatus nach hartem Tagewerk seine müden Glieder zur Ruhe legte, breitete er einen Mantel über sich. In der Nacht aber kamen Engel hernieder und webten aus dem Schein der Sterne ihre Zeichen darein. Davon kam dem Mantel wundersame Kraft. Breitete Beat ihn auf dem Wasser aus, so fuhr er von selber, wohin er wollte, ja der Mantel trug ihn auch durch die Luft über Berg und Tal.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch