Tausend Jahre als ein Tag
In einem Kloster war einmal ein frommer Bruder mit Namen Evo. Der las allemal den Vers in dem Psalter: ,Tausend Jahre vor deinem Angesicht sind wie der gestrige Tag.’ Aber er konnte nicht recht glauben, was er da las, und er bat Gott den Herrn, dass er ihm das Wort erwahre durch ein Zeichen.
Nun war Evo der Küster der Kirche und hatte dafür zu sorgen, dass allemal zur rechten Zeit geläutet wurde. Eines Morgens, als er, wie es seine Gewohnheit war, nach der Frühmesse noch eine Weile im Gebete verharrte, da kam aufs Mal ein schöner Vogel geflogen, dessen buntes Gefieder in der Sonne schimmerte; der sang so lieblich, dass es Evo deuchte, so herrliches Getön habe er seine Lebtage nie gehört, und er stand auf, dass er den Vogel beschaue. Der aber flog auf einen andern Ast, und Evo ging ihm nach, dass er ihn fange, so schön schien ihm der Vogel. Doch der flatterte von Ast zu Ast, von Baum zu Baum vor ihm her und zog ihn immer weiter fort, bis Evo sich unversehens mitten im tiefsten Walde fand. Da sass der Vogel auf der höchsten Tanne und sang und sang, und Evo stund darunter und lauschte. Nach einer Weile gedachte er seiner Pflicht: du musst eilends heimgehen und zur Prim läuten heissen.
Als er vor dem Kloster stand, da kam ihm alles so verändert vor, dass er es kaum wieder erkannte. Ein fremder Pförtner, den er nie zuvor gesehen, tat ihm auf, und er kannte keinen der Brüder mehr und niemand kannte ihn. Da begehrte er vor den Abt zu treten. Der fragte ihn verwundert, wer er wäre und woher er käme. «Ei, mir denn! Bin ich doch eben in den Wald gegangen nach einem Vogel, der da sang, und habe ein Stündlein kaum ihm zugehört.» Da rief der Abt die andern Brüder alle zusammen und fragte, ob da einer wäre, der diesen fremden Bruder kenne. Aber alle wie einer schüttelten den Kopf. Da gingen sie über die Bücher und fanden, dass vor dreihundert Jahren ein Bruder des Klosters, namens Evo verlorengegangen sei, und man habe niemals mehr etwas von demselben vernommen. Als Evo das hörte, sank er lautlos um und war zu Staub und Asche zerfallen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch